
von Hans Obermair
erschienen am 29.5.2024 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung
Sollten die Glonner Ureinwohner noch Jäger und Sammler gewesen sein, dann waren es sicher vorrangig die Fischgründe, die sie in die Region lenkten. Dass es bei uns auch nacheiszeitliche Jagdgründe gab, erfährt man aus Funden, zum Beispiel ein paar Hirschköpfe und Geweihe.
Das Wasser als Grundnahrungsmittel für Mensch und Tier, aber auch für jegliche Pflanzen wird es gewesen sein, das die „Sesshaftigkeit“ nicht nur bei uns einleitete. Auch die Unterkunfstmöglichkeit spielte eine Roille. Höhlen waren natürlich gefragt. Mangels dieser war man auf de Bau von Zelten aus Fellen und/oder auf den Bau von Holzhütten angewiesen, wahrscheinlich in der Art, wie sich die ein Holzknecht unserer Zeit zimmert. Wegen der Rinde für Dach und Wand könnten Plätze mit Nadelbäumen gefragt gewesen sein. Das bäuerliche Steinhaus, das sich aus dem Holzhaus entwickelte, ist erst eine Erfindung der Neuzeit.
Es war sicher kein abrupter „Systemwechsel”, noch über Jahrtausende wurde auch parallel gejagt und gesammelt. Aber wahrscheinlich war es vor den Tieren das Brotgetreide, das man „domestizierte”, das heißt in der Nähe des ständigen Wohnplatzes anbaute, um es auch besser schützen zu können. Die ersten Nutztiere, die Milch, Fleisch, Wolle und Leder lieferten, könnten Schafe und Ziegen gewesen sein. Zum einen war diese Form einer Tierhaltung schon aus „nomadischen” Zeiten geläufig, zum andern war deren Unterbringung kaum ein Problem. überdies waren Schafe und Ziegen als Wiederkäuer genügsamer mit dem Futter, hier reichte auch eine Waldweide. Damit konnte man aufwendige Rodungen auf ein Minimum beschränken.
Als Jäger und Sammler war man „Nomade” und zog dem Wetter und dem Klima hin-terher. In der Sesshaftigkeit war das nur mehr ganz bedingt möglich. War man vorher zum Überleben von „Räumen” abhängig, so jetzt von „Zeiten”. Damit war man zu einer Vorratshaltung gezwungen. Aber auch zu einer anderen Wohnkultur. Langfristig erfolgte damit die Änderung unserer Mentalität hin auf ein längerfristiges Denken. Nicht mehr von „Tag zu Tag”, sondern von „Jahr zu Jahr”, oder gar auf ein Leben lang. Diese neue, notwendige Überlebensstrategie mag in unserer Zeit ein Vorteil sein – ja sogar ein Wettbewerbsvorteil.
Die freie Jagd auf Wild und Fisch war von jeher in Konkurrenz zur geregelten Landwirtschaft. Vielleicht haben die „Obereigentümer” darauf auch Rechte gelegt, um eben den „Untereigentümer” mehr an die auferlegten Aufgaben zu binden. Bis nach den Römern war das Land „Fiskalland”, es war also Staatseigentum. Allmählich ging es auf den Adel, sowie auf Kirchen und Klöster über. Ein Teil blieb dem Landesherrn und nur ein paar Prozent blieb bei freien Bauern. Diese neuen Eigentümer verliehen ihr Land durch verschiedene Lehensformen und Bedingungen als „Obereigentum” an die „Hin-tersassen” also die Bewirtschafter. Der Preis nannte sich “Stift”, ,”Zehnt”, ,”Gilt”, “Zins”, ,”Hand-und Spanndienste”. Die Obereigentümer übten nicht nur die Aufsicht aus, sondern hatten auch in gewissen Fällen zu helfen. Dass hier Kirchen und Klöster, ihre Oberen stammten ja oft aus dem Landvolk, ,,mildtätiger” agierten, mag in dem Spruch zum Ausdruck kommen: ,”Unterm Krummstab ist gut leben”.
Diese Lehensverhältnisse hielten oft über viele Generationen. Das hieß aber auch, seine Aufgaben zu erfüllen. Wer es nicht tat, konnte „abgestiftet” werden. Durch Rodungen wurde das Bauernland immer wieder vermehrt. Aber auch durch Be-, und Entwässerungen entstand mehr Nutzfläche. Die Bevölkerungszahl stieg, so manches Anwesen konnte geteilt werden. So aus einem Ganzen, zwei Halbe, oder aus dem Halben zwei Viertel oder aus diesem zwei Achtel. Hausnamen wie der “Moar” für einen ganzen Hof, ,”Huber” für den Halben, ,”Lehner” für eine viertelten oder “Sölde” für das Achtel, leiten sich davon ab. Dieses System, ,”Hoffuß” genannt, war im Grunde eine Steuergröße. Für die eines ganzen Hofes war nicht dessen Fläche nicht in Tagwerk festgestellt, sondern die Ertragsfähigkeit maßgebend. Und so konnten es bei guten Böden 60 Tagwerk und bei schlechten 120 Tagwerk für den “Moar” sein. Eine Fläche in Quadratmetern wurde also nicht bekannt.
Das Steuerverzeichnis von 1671 gibt uns einen Überblick über die rechtliche und wirtschaftliche Situation der einzelnen Anwesen. 1854 gab es 214 Hausnummern, damit ebenso viele Anwesen im Gemeindebereich. 1671 zählen wir 196. Der Zuwachs fand ausschließlich im Ort Glonn statt, während „rundherum” es sogar weniger wurden.
Beispielhaft gehen wir auf den Raum Überloh, Frauenreuth und Reisenthal ein: Von diesen damals zwölf Anwesen waren zwei im Obereigentum des Landesherren, zwei im Eigentum der Ortskirche, eines im Eigentum der Kirche in Glonn, eines gehörte dem Pfarrer in Aibling, eines den Zinnebergern, drei gehörten dem Klosters Dietramszell und zwei dem Beneficium Altenburg (Moosach). Zu bemerken ist, dass Dietramszell vom Kloster Tegernsee aus gegründet und dotiert wurde und Altenburg ein Tegernseer “Officio” (Amt) war. Ursprünglich wird also Frauenreuth Tegernseer Land gewesen sein. Was den “Hoffuß” betraf, gab es in Überloh, Frauenreuth und Reisenthal ein ganzes Anwesen, sechs Halbe, zwei Viertel, ein Achtel und zwei Sechzehntel. Letztere waren in der Regel ohne Vieh und damit nur zum Wohnen. Da die Familiennamen zum Beispiel durch Heirat wechseln konnten, hatte verwaltungshalber jedes Anwesen einen “Ewigen Namen” zu haben, eben den Haus- oder Hofnamen. die Zahl der Personen in diesen Anwesen, ist auch im Pfarrarchiv nicht zu ermitteln, weil die ledigen Knechte und Mägde nicht festgestellt sind.
Auch der Tierbestand ist in dieser 1671er Bestandsaufnahme angegeben: 28 Roße, sieben Fohlen, 32 Kühe, 24 Jungrinder, neun Kälber, zwei Stiere, zwölf Schweine, 45 Ferkel, 43 Schafe, 13 Lämmer, 13 lmpen, zwei Gänse und zwei Biber (Puten). Was auf-fällt: Scheinbar gab es als Zugtier nur Pferde und nicht auch Ochsen, obwohl diese neben der Arbeitsleistung mehr und besseres Fleisch liefern konnten. Scheinbar ist das Pferd, das man auch vor eine Kutsche spannen konnte – die größeren drei Anwesen hatten je vier – schon damals der Stolz eines Bauern. Selbst die “Sölde” (1/8) hatte ein Pferd. Die Rinder, es waren 32 Kühe, 24 Jungrinder, neun Kälber und zwei Stiere, sind in der Mehrzahl. Die Milch war wohl für den Eigenbedarf, aber auch für Käse, der lager- und marktfähig war. Die angegebenen zwölf Schweine werden zum Teil ,,Schweinsmuttern” gewesen sein, denn es gab auch 45 Ferkel. Für die nicht so nutzbaren Gründe hatte man 43 Schafe und 13 Lämmer. Natürlich auch wegen des Fleisches und der Wolle.
Vier der zwölf Anwesen hatten auch insgesamt 13 „lmpen” (Stöcke). Das lässt auch auf Obstbau schließen und natürlich liebte man auch Süßigkeiten. Die zwei Gänse und die zwei „Biber” (Puten) auf einem Anwesen waren die „Exoten” unter den Tieren und vielleicht nur „Liebhaberei” der Bäuerin.
Der Anbau war seit dem Mittelalter durch die „Dreifelderwirtschaft” geregelt. Damit war für eine Dorfflur der Anbau von einem Drittel der Felder mit „Sommerung” (Hafer/ Gerste) und einem Drittel „Winterung” (Roggen/Weizen) vorgegeben. Das letzte Drittel war „Brache”, hatte also unbebaut, zu sein. Die Brachfläche war zur Erholung des Bodens und zur Beweidung durch den Dorfhirten des Dorfviehs vorgesehen. Die einzelnen Felder waren so gelegen, dass jedes Anwesen in jedem Drittel entsprechende, in der Regel mehrere, Flächen hatte. Dies brachte einen Risikoausgleich im Falle von Nässe oder Unwetter. Sicherte aber auch, dass jedes Anwesen jedes Jahr entsprechend Sommer-und Wintergetreide ernten konnte.
Die wenigsten Felder waren an Wegen, sodass man sein Feld nur über ein anderes erreichen konnte. Ein “Flurzwang” regelte den einheitlichen Anbau, sodass gemeinsam geerntet werden konnte und so der Zugang unproblematisch war. Aber auch für die Beweidung der Brache war der Flurzwang unerlässlich. Die Felder waren nicht vermessen und nur durch “Raine”, beziehungsweise durch Naturmerkmale, abgetrennt. In den Saalbüchern (Grundstücksverzeichnisse) war lediglich aufgezeichnet, auf welcher Seite wer der Nachbar ist. Erst im 19. Jahrhundert wurde die “Brache” zugunsten einer “Blattfrucht” (Klee, Kartoffel usw.) abgeschafft. Die damit erhöhte Anbaufläche steigerte den Anteil an Verkaufsfrüchten, in der Regel Getreide. Damit wurde ein Bauboom ausgelöst.
Mit der Säkularisation ab 1803 wurde zu einem guten Teil das “Obereigentum” auf den Staat übertragen. Es gab dann Ablöseangebote an die “Untereigentümer”, die aber nur von wenigen genutzt wurden. Erst 1848 gab es dann eine generelle “Bauernbefreiung”. Die aktuellen Bewirtschafter wurden, gegen Bodenzins an den Staat, Eigentümer. Damit konnte man jetzt sein Anwesen beliebig verkaufen oder vertauschen. Die schon 1810 vermessenen Grundstücke konnten dann aber auch leichter zu größeren Parzellen getauscht werden. Die “Arrondierungen” beziehungsweise „Flurbereinigungen” in der Mitte des letzten Jahrhunderts ergaben dann die heutige Struktur.
Auch auf die Rinderzucht bekam einen höheren Stellenwert. Der Gastwirt Obermaier aus Gmund „importierte” dazu das Simmentaler Fleckvieh aus der Schweiz. Wohl auch das spezialisierte Personal, eben den „Schweizer”, wie man heute noch den Melker nennt.
Die neue Eigentumsstruktur ab 1848 brachte ein neues Selbstbewusstsein. Bei so manchem Neubau konnte man das auch sehen. Eine neue Freiheit gab es auch bei der Bewirtschaftung und bei den Betriebsmitteln, wie zum Beispiel dem Bauen. Frei-heit heißt auch Risiko und Selbstdisziplin. Nicht alle konnten damit umgehen und mussten verkaufen. Andere konnten sich „aufikaffa”, wie man damals sagte. Sie konnten eben ihr Anwesen vergrößern oder ein größeres kaufen. Den gesteigerten Immobilien- und Geldmarkt nutzten auch viele, die sonst nichts mit der Landwirtschaft zu tun hatten. Durch die neue Transport- und Kühltechnik wurden auch die Agrarmärkte größer. ,”Unsere Kühe weiden am La Plata”, dieses Zitat eines Reichskanzlers, zeigt aber auch die gesunkene Wertschätzung gegenüber der einheimischen Landwirtschaft. Die Landflucht fordert mehr Mechanisierung. Die wiederum muss finanziert sein. Zusammenschlüsse, in der Regel Genossenschaften, werden gegründet, um Ein-und Verkauf zu bündeln. Aber auch das Geld soll im Ort bleiben. Aus dem Bauernstand wurde immer mehr ein Berufsstand.
Zur Jahrhunderte lang geübten Praxis kommt später immer mehr die Theorie hinzu. Ausbildung ist gefragt, die die neuen Landwirtschaftsschulen anbieten. Immer mehr ist auch kaufmännisches Geschick angesagt. Gab es früher Konkurrenten, wenn es um die Hofnachfolge ging, kann es nun Probleme geben. Diesen Veränderungen hatte sich die Landwirtschaft der letzten 150 Jahre auch in der Gemeinde Glonn zu stellen.
