von Hans Obermair
erschienen in leicht abgeänderter Form am 26.4.2024 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung
Zum 50. Todestag von Wolfgang Koller
120 Jahre wäre er heuer alt geworden, dieser begnadete Glonner Dichter und Schulmann. Oberschlurat in Ebersberg bis 1969 war seine letzte Aufgabe und sein letzter Titel. Ich persönlich lernte ihn allerdings kennen als „Oberlehrer von Glonn“. Als damaliger „Seminarleiter“ für den Lehrernachwuchs im Landkreis Ebersberg, hatte er auch in meiner Volksschule in Gelting zu tun. Wenn er zu Lehrer Anton Markstätter kam um dessen Unterricht zu bewerten, war dieser sicher aufgeregter als wir Schulkinder. Wir kannten Koller ja schon von einigen Besuchen. Es begann immer so: „So Kinda jiazt lean ma z´scherst a Liadl“. An eines kann ich mich besonders erinnern: „Mia fahrn mit da Zuin üban See und fangan des Fischal juhe-juhe, Fischal im Grund gib guat acht –gib guat acht, sonst bist in da Pfann drin auf´t Nacht“. Ob der gute Rat und die Drohung an das „Fischal“ auch unserem Lehrer gelten sollte -sicher nicht. Solch plumpe Ratschläge hätten gar nicht zu Wolfgang Koller gepasst. Dass er mit diesem Lied etwas in Mundart „vorgelegt“ hatte, war sicher so gewollt. So war die „Luft heraust“ bei uns Schulkindern, aber auch beim Testunterricht. Übrigens Wolfgang Koller war ein profunder Kenner und Förderer unserer Mundart, dessen Feinheit und deren Spielarten er besonders in seinen Gedichten nicht nur einbaute, sondern auch auslebte. Wenn er auch sicher gerne redete, aber das Zuhören in seine Muttersprache hinein, konnte er auch gut.
1904 in Glonn geboren und 1974 in Glonn gestorben. Eigentlich die Kurzform eines Lebenslaufes, wie ihn eine Vielzahl der einfachen Leute, unter denen er aufgewachsen und denen er zugetan war, lebten und starben. Der Unterschied ist nur, dass sein Tod an Dramatik kaum zu überbieten ist. Trotz seiner vielen Arbeit war Wolfgang Koller immer für seine Glonner Heimat zu haben. Erst recht im Rentenalter. Logisch, dass er zur anstehenden 1200-Jahrfeier 1974 nicht nur gebraucht wurde, sondern im Festausschuss ein der ganz Wichtiger war. Er kannte sich ich nicht nur in Glonner Geschichte besonders gut aus, sondern auch in der Kunst. Und so war es zwangsläufig, dass man ihn auch für eine Festschrift gewann. Nur er konnte so schreiben, dass dabei keine „Aufzählung“ daraus wurde, sondern ein „Erzählung“. Dabei kam die „Glonner Seele“ nicht zu kurz. Ein Festakt braucht auch einen Festredner und noch dazu einen guten, wenn als Ehrengäste Kardinal Döpfner und Ministerpräsiden Goppel angesagt sind. Auch dafür gab es keinen Anderen und Besseren als Wolfgang Koller. Auch für ihn eine besondere Aufgabe: Während des Festgottesdienstes feilte er noch an seinem Konzept. So, als hätte er geahnt, dass es seine letzte Rede sein sollte.
Bisher war die 1200-Jahrfeier eine fröhliche, bis hin zum Festgottesdienst. Mozarts Krönungsmesse war aufgelegt, was denn sonst! Nachher ging die Festgemeinschaft in den Pfarrsaal. Wieder Musik und Gesang. Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Singer und den Grußworten, endlich der Festvortrag: Sicher, wie immer, stand Wolfgang Koller hinter dem Rednerpult. Weit ausholend kam er zum Glonner Geschehen des Jahres 774. Wohl auf einem Höhepunkt seiner Festrede aber versagt sein Herz. Wolfgang Koller knickte in sich zusammen. Der anwesende Arzt konnte nur mehr den Tod feststellen. Anstatt bei der zum Schluss geplanten Bayernhymne stand man jetzt, als der Kardinal die Sterbegebete über den Verstorbenen sprach. Wolfgang Koller liebte es in der Öffentlichkeit zu sein. So gesehen mag man anlässlich seines Todes am 28. April 1974, und das vor so erlauchtem Publikum, an Vorsehung denken.
Zurück ins Leben des Wolfgang Koller. Dass er am Leonharditag (6. November 1904), dem wohl bedeutensten bäuerlichsten Fest, geboren ist, könnte ein Omen für seinen Bezug zu den Leuten auf dem Lande sein. Der Vater, Ortsgendarm und aus der Oberpfalz, die Mutter aus dem Schwäbischen stammend und die beiden älteren Brüder, der eine einmal General, der andere einmal Landrat, bildeten seine Familie. Der gutmütige Vater und die strenge Mutter wohnen mit ihren drei Buben in der Dienstwohnung in einem alten Anwesen, direkt neben dem musikbegeisterten Neuwirt. Vielleicht nahm hier schon seine Liebe zur Musik einen Anfang. Lena Christ, die gegenüber dem Neuwirt ihre Glonner Heimat hatte, war ab 1911 beim Neuwirt ein paarmal in der „Logie“. Auch hier könnte sich eine Nähe zur späteren Dichterin entwickelt haben.
Wie es heißt, besucht Wolfgang in Glonn die achtjährige Volksschule. Lehrer Reisacher, ab 1911 in Glonn, und einer Kunstmalerfamilie entstammend, könnte auch auf das Kunstempfinden des Buben Einfluss gehabt haben. Die „ganze“ Volksschule besucht zu haben, war für den späteren Schulleiter und Schulrat, sicher eine gute Lehre. Im Jahr des Kriegsendes 1918 hat Wolfgang die Volksschule absolviert. Die „schlechte Zeit“ während des Krieges hat sich fortgesetzt. Was mit dem 14-jährigen dann war, ist offen. Jedenfalls heißte es, er sei 1924 nach einem Studium in Freising, wohl das eines Lehrers, in die Praxis als Lehramtsbewerber an die Glonner Schule berufen worden. Lehrer Reisacher war noch Schuleiter. Die „Rally“ eines Junglehrers beginnt: Ramsau, Marzoll, Skt. Christoph, Amerang, Dorfen (EBE) und endet 1929 in Bad Aibling. Die Heirat mit Barbara, einer Bekanntschaft aus der katholischen Jugendorganisation „Quickborn“ folgt. Die beiden Kinder Lisl und Berhard werden geboren. 1937 begann ein Lehrgang an der LMU in München zum Sonderschullehrer. Das ermöglichte eine Anstellung in München und brachte von den Schülereltern mehr Unabhängigkeit. Aber die Künstlerfreundschaften aus der Aiblinger Zeit halten sich ein Leben lang. 1937 wird auch das Haus in Glonn gebaut. Jetzt in München tätig, sorgt Koller federführend für eine ergänzte Neuauflage der Glonner Chronik von 1909, geschrieben von Pfarrer Niedermair. Später wird das Werk zum „Einstampfen“ abgeholt. Der „Quickborn“, bei dem er schon seit seiner Jugend aktiv und dann auch führend tätig war, ist nicht auf der Linie der „Nazis“. Und so wurden im Glonn nahen Krügling konspirative Treffen unter Führung Kollers abgehalten. Dass dort auch der Aufruf der „Weißen Rose“ vorgelesen, und wohl auch diskutiert, wurde, ist eidesstattlich bestätigt. So etwas war sehr mutig und lebensgefährlich. Aber auch Glonns Bürgermeister von 1930 – 1933, der „Neuwirt“ Ludwig Maier, bestätigt Koller als „Antinazi“.
Nach dem Krieg ist Koller Lehrer in Schönau. Schon 1947 wird er Schulleiter in Glonn. Von seinen „Oberen“ wird im zusätzlich die Ausbildung des Lehramtsnachwuchses im Landkreis übertragen. Bei der Neuauflage der Lesebücher leistet Koller immer wieder wertvolle Dienste. Er kann dafür sorgen, dass Bodenständiges mit eingebracht wird. 1952 wird er Schulrat in Erding und 1957 „Oberschulrat“ in Ebersberg.
Malerei war eine Leidenschaft Kollers. Auch von ihm selbst gibt es Bilder. Wenn man sein Glonner Haus besuchte, bekam man einen Eindruck, mit welchen Malern er in Kontakt stand. „Seine“ Kunst aber war das Schreiben. Vom einfachen Zeitungsbericht und Fachbeiträgen über Mundartgedichte, so auch das Schönauer Krippenspiel, bis zur ausgereiften Lyrik, verstand er es, seine Mitmenschen anzusprechen. Immer kommt sein Schreiben aus der heimatlichen Wurzel und ist auch an das Gemüt gerichtet. Und wenn er einmal sagt: „Nicht der Dichter allein schaffe ein Gedicht; eine Situation oder das Leben selbst würden ihm die Feder führen“, so klingt das eher bescheiden. Und doch ist es sein geschriebenes Werk, das ihn auf Dauer überleben wird.
1974 endet dieses Leben – ein gutes halbes Jahr vor seinem Siebzigsten. Hätte er diesen Tag erlebt, wäre er zum Ehrenbürger der Marktgemeinde ernannt worden. So aber erinnert die Straße nach Moosach, die „Wolfgang-Koller-Straße“ an ihn. Aber auch seine Sorge um Leben und Werk von Lena Christ ist in die Literaturgeschichte eingegangen. Eines seiner eigenen Gedichte „Der Brunnen“ ist ein zeitloses Vermächtnis von Wolfgang Koller. Was aber noch an ihn erinnert, sind die vielen guten Lehrerinnen und Lehrer, die er uns geschenkt hat. Umgekehrt haben auch die an Ihn erinnert, nicht nur mit ihrer Arbeit, sondern auch, weil sie keinen runden Geburtstag- und Todestag ihres Lehrers übersehen haben.
Wer mehr über Wolfgang Koller wissen will, dem seien die Beiträge von Rudolf Gerer (Band 2/1999) und Herrmann Eberle (Band 15/2012) der Jahrbücher des Historischen Vereins für den Landkreis Ebersberg e.V. empfohlen.
