Als den Glonnern das Licht aufging


von ©Hans Obermair
erschienen am 23. August 2023, im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

125 Jahre Strom in der Marktgemeinde: Verschönerungsverein macht den Anfang

Elektrizität gibt es schon immer, sie ist ein Teil dieser Welt. Konnte sie früher nur sehr beschränkt nutzbar gemacht werden, so begann mit der Erfindung eines Generators durch Werner von Siemens im Jahre 1866 deren beispiellose Ausbreitung. Zunächst natürlich in den Städten und den Ballungsgebieten, bevorzugt für die Beleuchtung. Auf dem Land etwas später und dort zuerst, wo Wasserkraft für den Antrieb sorgen konnte. So auch in Glonn.
Schon das zweite „ Projekt” des 1887 gegründeten Glonner Verschöne­rungsvereins war Elektrizität. Zunächst war nur an eine Straßenbeleuch­tung gedacht. Hier war Wolfgang Wagner jun. die treibende Kraft. Er hatte wohl, auch vom Landwirtschaftlichen Verein, in dem Wolfgangjunior tätig war, die Idee dazu. Nach längerer Debatte, so heißt es im Versammlungs­protokoll, wird beschlossen, „zwar das Projekt dem Verein zu unterstellen, jedoch gänzlich gesondert zustande zu bringen”. Anschließend wurde ein „Zeichnungsbogen” herumgereicht. Die für das Vorhaben zunächst veran­schlagten 3000 Mark wurden während der Versammlung von den Mitglie­dern gezeichnet. Vermutlich haben sich 20 Personen zur Zeichnung ent­schlossen, weil im Protokollbuch von einem Garantiefonds von 150 Mark die Rede ist. Man beauftragt den zweiten Vorstand Wagner sen., sich einen möglichst genauen Kostenvoranschlag von der Firma Eisenstein & Co an­fertigen zu lassen. Mit Schreiben vom 12. November 1887 berichtet Bür­germeister Beham dem Bezirksamt Ebersberg, dass die Finanzierung durch den Verein gesichert sei.
Plan und Kostenvoranschlag können aber nur oberflächlich gewesen sein, denn am 10.1.1888 berichtet Wagner der Versammlung, dass er sich mit mehreren Sachverständigen ins Benehmen gesetzt habe „welche ihn den Rat gaben, ja nicht so schnell in dieser Sache vorzugehen und womöglich auf eigene Wasserkraft zu trachten”. Wagner bittet die Versammlung noch um ein paar Monate Geduld. Und die war fürwahr von Nöten. Immer wie­der steht das Elektrizitätsprojekt auf der Tagesordnung. Im August 1888 erkannte man dann die Vordringlichkeit der Untersuchung der Wasser­kraft. Ein entsprechendes Gutachten koste aber sicher Geld. Hier konnte der Ortsarzt Lebsche helfen. Er hatte einen Schwager „welcher Ingenieur ist”, dieser komme sowieso nach Glonn und könne die Wasserkraft unter­suchen -vermutlich kostenlos.
Diese Untersuchung verlief negativ, denn im März 1889 erklärte dann Wagner jun. das „Projekt” für gescheitert. Wahrscheinlich weil die vorhan­denen Wasserkräfte bereits von den sieben Mühlen genutzt wurden. Zum Ankauf einer Mühle reichten die Fi-nanzen nicht.

Glonns Straßen blieben aber nicht dunkel: Etwa 1894 richtete der Verschö­nerungsverein auf eigene Kosten eine Straßenbeleuchtung ein – eine Beleuchtung mit Petroleum. Dem Schriftverkehr nach hatten die Anlieger das Öl zu liefern, diese Lampen anzuzünden, zu löschen und für Ersatz von Docht und Zylinder zu sorgen. Und genau das geschah nicht immer und noch dazu am Glonner „Hauptkreuzungspunkt”.
Der Verein stellte an die Gemeinde den Antrag, diese möge die so wichtige Lampe übernehmen. Dort wurde zum Missfallen des Vereins abgelehnt, obwohl dessen Vorstand aus dem Schlossherrn von Zinneberg Albert von Scanzoni, dem Reichs-und Landtagsabgeordneten Wolfgang Wagner Seni­or und Wagner Wolfgangjunior bestand. Man war wohl sehr erbost und stellte an die Gemeinde dann den Antrag, alle Lampen zu übernehmen. Wieder abgelehnt – allerdings mit der Zusage, man gebe für die Beleuch­tung einen jährlichen Zuschuss von 50 Mark.

Wie so oft in der Technikentwicklung war es dann Privatinitiative, die Glonn den Strom brachte. Stromerzeugung und Lieferung war eine Zu­kunftsbranche. Wer diese Chance in Glonn zunächst nutzen wollte, steht nicht genau fest. Mit Schreiben vom 7.5.1898 bewirbt sich (auch) Wolfgang Wagner sen. bei der Glonner Gemeinde um die „Conzession”. Mit der ihm gehörenden „Obermühle”, heute Piusheim, könne er den Strom erzeugen und nach Glonn liefern. Natürlich mit allen Vorzügen und Garantien. Eine Behandlung des „Wagnerantrages” ist nicht festzustellen.
Etwa um die gleiche Zeit, das Schreiben hat kein Datum, dürfte der Antrag des „Furtmüllers” Peter Kastl eingegangen sein. Die Glonner „Furtmühle”, nach der „Christlmühle” mit dem zweithöchstem Gefälle, war im Eigentum von Peter Kastl, geboren 1857 in Albaching. Er war seit 1877 „Mühlbur­sche” bei Anton Ecker, seit 1852 Furtmüller. Dessen Frau war die „Heckmo- arstochter” Kreszenz Marais. Die Ehe blieb kinderlos. Und so wurde die Nichte von Kreszenz, die Wirtstochter Anna Obermairaus Frauenreuth, Er­bin der Furtmühle. 1889 heiratet sie den sieben Jahre jüngeren Peter Kastl. Auch diese Ehe blieb kinderlos. Kastl war vermutlich ein Technikfreak und hat sich auf diese Zukunftsbranche eingelassen. Im Antrag von Kastl ist von Beleuchtung- und Kraftübertragungsanlage, Gleichstrom-Zweileiter­system, Accumulator und 110 Volt bei 90 Ampere die Rede. Er könne mit seiner Wasserkraft aus Mühle und Säge Glonn und Zinnberg versorgen. Sollte die Wasserkraft einmal nicht mehr ausreichen, würde er sich eine Reserve-Dampfmaschine anschaffen. Die Verteilung finde über die Haus­dächer und „Telegapfenmasten” statt. Auch zum Lieferpreis macht er An­gaben: für Privat und pro Jahr und „Kerzenstärke” eine Mark. Bei „Gelegen­heitslängen”, wahrscheinlich, wenn ein Abnehmer nicht an der „Haupttras­se” lag, „besondere Preise”. Sollte ein „Elektricitätszähler” vorhanden sein, „stellt sich der Preis einer 16-kerzigen Lampe per Stunde auf 2 Pfennige”. Am 5.12.1898 hat Peter Kastl sein „Elektrizitätswerk” per 1.9.1898 bei der Gemeinde angemeldet. Hier heißt es: „ohne Gehilfen”. Säge und Mühle waren also aufgegeben. Laut einem Inserat vom Mai 1900 wurde die Ein­richtung (Mühle/Säge) zum Verkauf angeboten. Es ist aber davon auszuge­hen, dass die Stromlieferung schon im Sommer 1898 erfolgte.

In der Zeitung vom 16.8.1940 (vermutlich „Oberbayer”) lesen wir über die Anfänge der Glonner Stromerzeugung. Demnach waren speziell die Gla­sermeister, einen solchen gab es auch in Glonn, gegen das elektrische Licht, weil sie den Umsatz mit Petroleumlampen und Glaszylindern nicht gerne verloren. Es gab also auch diese Widerstände. Heute würde man sa­gen, in einer PR-Aktion hat Kastl, nachdem die Erzeugung schon angelau­fen war, für seinen Strom geworben. Er hat zum Nachbar, dem Gastwirt Lanzenberger, der wohl einer der ersten Stromkunden war, eingeladen. Und wie es heißt, waren alle Bürger gekommen, um das „Licht” zu bewun­dern, zu loben, aber auch zu „begritteln”. Bei „festlicher Zecherei” ist es so­gar zu einer Rauferei gekommen, die vielleicht ohne neues Licht gar nicht möglich gewesen wäre. Vielleicht gab es aber auch „Freibier”, wie bei PR- Einladungen auch heute noch üblich.

Einer der ersten Hausanschlüsse war beim Bürgermeister Türk (Welzmül­leranwesen). In einem Inserat bewirbt der Neuwirt 1898 (28.8.) sein Gar­tenkonzert „mit elektrischer Beleuchtung”. Dies zeigt, dass das Leitungs­netz schon im Sommer bis zum „Neuwirt” reichte. Auch die ehemals hart­näckigsten Gegner suchten jetzt den Stromanschluss, sodass der Furtmüller ständig erweitern musste. 1894 erhielt Glonn den Bahnanschluss und 1901 wurde es Markt. Klar: Auch die Petroleum-Straßenbeleuchtung wur­de vor dem Ersten Weltkrieg noch gegen „elektrische” ausgetauscht. Ein Angebot von Kastl von 1914 gibt darüber Auskunft.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, so heißt es, war schon halb Glonn angeschlossen. Auch die Nutzung des Stroms für Kraftmaschinen wurde von Kastl gefördert, in dem er eine fahrbare Kreissäge anbot, zum Brenn­holz sägen. Wie zu lesen ist: „Man konnte zu den betreffenden Jahreszei­ten wochenlang die große Kreissäge singen und kreischen hören”.

Auch für „Nüchterne und Betrunkene” wurde das neue Straßenlicht zum Segen, so heißt es weiter. Freilich nur bis 11 Uhr (23 Uhr), denn dann wur­de es abgeschaltet. Irgendwann konnte die Furtmühle den Strom nicht mehr erzeugen. Und so wurde 1927 die Wasserkraft der Steinmühle mit in die Stromerzeugung eingebunden. Ein dickes Kupferkabel, es war ja noch immer Gleichstrom, hatte beide Werke verbunden. Damals war allerdings schon der Elektrotechniker Josef Altinger, seit 1919 der Furtmüller, Chef des Unternehmens. Er hat die Erziehungstochter von Kastl geheiratet. Die Familie Altinger erzeugt heute noch umweltfreundlichen Strom.

Zurück zum Kastl: Zeitgenossen haben ihm einen unglücklichen Ausgang prophezeit. Sein Ansehen ist zwar gestiegen. Von 1899 bis 1905 finden wir ihn als Gemeinderat. Es scheint gut „gelaufen” zu sein – oder war es auch – der Wunsch nach Ansehen, denn 1903 baut er sich eine Villa an der Haupt­straße. 1904 aber verkaufte er das Furtmüller-Stammanwesen an den Wirt Lanzenberger. 1925 verstarb Kastl im Alter von 68 Jahren und 1931 seine Anna mit 81 Jahren.

Ende des 19. Jahrhundert war es noch schwierig, Glonner Mühlen und Sä­gen für die Stromerzeugung zu begeistern. Mittlerweile sind alle sieben ehemaligen Glonner Mühlen umweltfreundliche Stromerzeuger: die Steg­mühle seit 1903 (für Zinneberg) die Steinmühle seit 1927, die Wiesmühle und Waslmühle seit 1928, die Christlmühle seit 1935 und die Kothmühle seit 1970. Die 1920 gegründete Elektrizitätsgenossenschaft Frauenreuth wollte in den Zwanzigerjahren, hinter Reisenthal mit einem Staudamm den Kupferbach aufstauen, um Strom zu erzeugen. Gott sei Dank ist es nicht zu weit gekommen. Nach dem Krieg übernahm diese Genossenschaft die „Stegmühle-Genossenschaft”.
Vielleicht noch ein paar Geschichten um den Strom: Einer der Ersten aus unserer Umgebung war der Killi Hausl, der Haberer aus Münster, der von der Elektrizität begeistert war. Im Straubinger Gefängnis inhaftiert, konnte er die mit Strom beleuchtete Gäubodenstadt bewundern. In seinem Tage­buch steht es so drin. Dann die Stromversorgung der E-Genossenschaft Frauenreuth, die auch umgebende Orte versorgte und damit viele land­wirtschaftliche Kunden, die im Herbst die Dreschmaschine auf dem Hof hatten. Rutschte dem „Einlasser” eine Garbe durch, flunkerte rundum das Licht. Die Christlmühle belieferte Adling mit Strom. Der „Neuner Jakl” der dort beschäftigt und so, wie die Adlinger Jugend auch, Mitglied der „Greawinkler Zeche” war, nützte das Stromnetz, indem er Einladungen für „Zechtreffen” durchgab. Er unterbrach kurz die Stromlieferung, sodass in Adling die Lichter flunkerten. Man wusste dann: „Heit kemma z’samm”.

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