„Da Bot vo Glo“


von ©Hans Obermair
erschienen am 6. Juli 2023, im Lokalteil der EbersbergerZeitung 

Die wechselvolle Geschichte des Hotels Schwaiger zeigt exemplarisch ein Stück Glonner Historie

Bäckerei und Melberei Xaver Schwaiger; Postkarte um 1895

Häuser stehen nicht nur auf ihren Fundamenten, sondern auch auf dem Boden ihrer Geschichte. Und die ist manchmal interessanter als der Ist-Zustand es vermuten lässt. Denn Geschichte kann nicht um- oder angebaut werden, wie ein Gebäude, sondern ist beständig. Beim heutigen Hotel, Bäckerei und Cafe Schwaiger in Glonn wurde mehr um- und ange­baut als bei so manchem anderen Gebäude, das ein stolzes Alter auf den „Fundamenten” hat.
Im Flurplan von 1810 stand auf dem Grundstück des Pfarrers, wo heute beim „Schwaiger” ist, noch nichts. Obwohl diese Flur, im Gegensatz zu an­deren, immer wieder vom Hochwasser heimgesuchten Plätzen, auf einer kleinen Anhöhe steht und so ein idealer Baugrund gewesen wäre. Aber vielleicht haben, über Jahrhunderte hinweg die Herrn Pfarrer, deren von ihnen bewirtschafteter Hof unweit dieses Grundstückes stand, diese Flur aus praktischen Gründen als Feld geschätzt. Noch dazu neben dem Kup­ferbach – auch Wasser war genug da.

Jener Pankraz Kuchler, der das heutige Schwaiger-Grundstück 1854 erst­mals bebaute, war zwar kein „Baulöwe”, aber einer, der sich „hochschau­kelte”. Beim „Weber” in Fürmosen ist seine Heimat und beim „Urban” in Berghofen bei Moosach, wo seine Frau Elisabeth Brückner daheim ist, hat er 1832 eingeheiratet. Wahrscheinlich war ihm das Anwesen zu klein und so hat er „sich aufikaft”, wie man damals sagte. 1838 finden wir ihn in Weng bei Hohenthann, 1845 kauft er das „Mesneranwesen” in Kreuz. 1853 ist er dann kurze Zeit im Glonner Ziegeleranwesen. Wahrscheinlich war das Botenanwesen schon geplant und er suchte damit eine Bleibe in der Nähe seines Baugrundes. 1853 hat er Kreuz an die Familie Wimmer ver­kauft, den heute noch ansässigen Mesnersleuten.

Schauen wir in den Flurplan von 1856, sehen wir ein Anwesen mit der Hausnummer 53 auf dem früheren Pfarrgrund. Wohn- und Stallteil sind et­wa gleich groß. Scheinbar war dies so notwendig, denn die acht lebenden Kinder, fünf waren bereits verstorben, brauchten ja Platz. So auch der ge­plante „Stellwagenbetrieb” (Fuhr und Botendienste), daher der Hausname „beim Bot”. Vielleicht plante man aber auch schon eine Verkaufsfläche für das, was der „Bot” so ins Haus brachte. Das Stellwagengewerberecht und damit die Botendienste konnte man nicht einfach so beginnen, sondern diese wurden vom Staat „verliehen” und mussten mit einer „Caution” gesi­chert sein. Ein guter Leumund war zudem Voraussetzung.
Dem Grundbucheintrag von 1856 nach waren dies 400 Gulden. Kein klei­ner Betrag. Die „Brandassekurranz”, der Brandversicherungswert, lag für das neu erbaute Anwesen bei 1000 Gulden. Es ist davon auszugehen, dass das Botengeschäft 1854 gegründet ist, vorher dürfte es wegen des ständi­gen Wechsels der Familie Kuchler kaum möglich gewesen sein. Zumal es in Glonn auch durch das Gewerbe, von 54 Häusern hatten 53 ein, wenn auch kleines, Gewerbe, und dann durch Zinneberg eine gute Kundschaft gab. Laut Grundbuch ergibt sich eine Gesamtfläche des Anwesens mit gut 31 Tagwerk, verteilt auf sieben Plannummern.
Pankraz Kuchler muss ein fähiger Mann gewesen sein. Leider verstirbt er am 26. Oktober 1856 an „Magenverhärtung”. Verschiedene Ärzte können ihm nicht helfen. Der erst 46-jährige „Bot und Stellwagenführer”, wie es der Sterbematrikel heißt, hinterlässt seine 45-jährige Frau und acht Kinder im Alter zwischen fünf und 24. Ein Jahr später verstirbt „die Mutter der Bo­tin” Elisabeth Brunntaler. Sie ist mit der Familie der Tochter mit nach Glonn gezogen. Noch 1854 wird das alleinstehende Nachbarhaus des Arz­tes Dr. Gregor mit großem Grundstück (heute Wäsler und Hochwimmer) angeboten. Auch die Hofstelle des „Westermair” in Münster war um diese Zeit kurz sein Eigentum. Er hat sich also was zugetraut. Umso schlimmer war für die Familie sein früher Tod. Die Witwe wird Alleineigentümerin.

Die Tragik ergibt sich auch aus dem Grundbuch: Zu den 2400 Gulden aus dem Kauf des Doktorhauses, kommen 2100 Gulden Vatergutsforderung der Halbwaisen und noch weitere Naturalabsicherungen hinzu. Es wird nur einen Ausweg gegeben haben: Tochter Elisabeth heiratet 1859 den zehn Jahre älteren Nikolaus Wenig, Bauersohn aus Mattenhofen. Die Wit­we zieht 1859 ins „Doktorhaus”. Vermutlich auch mit den noch unmündi­gen Kindern. 1872 setzt Schwiegersohn Nikolaus eine Forderung gegen die Schwiegermutter durch. Das Doktorhaus wird 1872 verkauft. Wohin die Witwe zieht, ist nicht bekannt.
Die Wirtschaft entwickelt sich gut. Mittlerweile gibt es Bahnstationen in Westerham (1857) und in Grafing (1872), sodass sich das Zubringerge­schäft steigert. Wenig, wahrscheinlich noch immer nicht im Überfluss, sucht die Flucht nach vorne. Schon 1866 will er in seinem Haus ein Gast­haus einrichten, was im nicht genehmigt wird. 1869 beginnt er in seinem Haus mit Alois Surauer eine Lebzelterei. Dies ist vermutlich die Keimzelle der späteren Bäckerei.
Ab 1867 baut er auf dem Restgrundstück vom Doktorhaus sein Gasthaus (Hochwimmer). Er kann es nicht durchhalten und muss den noch nicht fer­tigen Bau an Härtl verkaufen. Das Gasthaus wird 1873 eröffnet und 1880 verstirbt Härtl. Die Witwe heiratet den Wirtssohn Balthasar Mair aus Berg­anger. Der Hausname wechselt jetzt zu „Mairwirt”.

Die Familie Wenig hat sieben Kinder, wobei drei im Babyalter versterben. 1869 hat Wenig auch das „Singeranwesen” in Haslach für ein Jahr in sei­nem Eigentum. 1877 auch den „Pfeiffer” in Adling. Für 1874 ist der Queran­bau des Stadels mit Stallung nachgewiesen. Er hat also alles probiert und doch verloren.
1882 lesen wir dann in der Zeitung die Versteigerungsbekanntmachung. Die Wenigs werden verzogen sein. Jedenfalls sind sie in Glonn nicht ver­storben.

Der ledige Franz-Xaver Schwaiger (1) geboren 1857 beim „Weigl” in Biberg, bekommt den Zuschlag. Er ist zu diesem Zeitpunkt bei Posthalter Wagner in Glonn angestellt. Wahrscheinlich war er vorher „Ökonomiebaumeister” in Wall bei Holzham. Den Erwerb durch Schwaiger hat auch Posthalter Wagner, in dessen Wirtshaus die Versteigerung stattfand, gefördert. Man sagt, der Posthalter habe dem Schwaiger zugerufen, „mach no mit, da Guatsteher is scho do”. Damit hat sich der Posthalter als möglicher Bürge gezeigt. Mit dem Erwerb wird er in sein Anwesen gezogen sein und den Betrieb fortgeführt haben. Damit hat beim „Bot” die Ära Schwaiger, die ak­tuell in der fünften Generation noch sehr erfolgreich ist, begonnen.

1886 heiratet Franz-Xaver Monika Mühlhölzl, geborene Zellhuber, verwit­wete Wimmerbäuerin aus Haslach. Ihre fünf Kinder werden in Glonn auf­gewachsen sein, denn das Anwesen in Haslach wird zum Teil noch 1886 verkauft. Aus der Ehe mit Schwaiger kommen noch fünf Kinder hinzu. Ne­ben der kleinen Landwirtschaft, dem Botengeschäft wird nach Aktenlage auch die Lebzelterei betrieben. Vermutlich wird die Bäckerei Marais, die 1898 aufgeben wird, von Schwaiger übernommen. Damit wird das Anwe­sen auch zur „Bäckerei und Konditorei”. Schon um 1890 ist auf dem Haus auch die „Melberei” (Mehlhandlung) vermerkt. 1869 wird bei der Glonner Gemeinde der „Fouragehandel”, also der Handel mit Pferdefutter ange­meldet. An den „Kolonialwarenhandel” erinnert die Glonner Dichterin Lena Christ in ihren „Lausdirndlgeschichten” als sie ihrer Freundin Schwaigers „Pommeranschen” (Orangen) anbot, die aber „Zitronen” waren. Die Salz­niederlage entnehmen wir einer Anzeige von 1900 und den Getreidehan­del laut Erlaubnisschein von 1922. Ab 1929 betrieb man auch eine Geflü­gelfarm. Auch der Krauthandel und das „Krautschneiden” gehört einmal zum Angebot des „Bot”. 1929 waren es zum Beispiel zehn Waggons.

Nun zum eigentlichen „Boten-Geschäft” wie es Franz Schwaiger (3) *1921 beschreibt: Zum Anwesen gehörten fünf Pferde. Zwei für die Landwirt­schaft, zwei für die Spedition und eines für die Bäckerei. Mit diesem wur­den die Dörfer rundum versorgt. An verschiedenen Tagen gab es mit dem „Gäuwagerl”, das von der „Oberdirn” gefahren wurde, verschiedene Tou­ren. Das Pferdl kannte genau seine Häuser, wo es stehen bleiben musste. Der Umsatz betrug ca. zehn Reichsmark pro Tag in bar, und ca. acht Reichsmark wurden ins Schuldenbücherl eingetragen und erst an Neujahr bezahlt. Um etwa zwei Uhr nachmittags war die Tour zu Ende. Es wurde ins „gefederte Bahnwagerl” umgespannt und vom Grafinger Bahnhof das Stückgut abgeholt und ausgefahren. Etwa Glas für die Glaserei Pitzer, oder Blech für den Spengler Strauß, aber auch Waren für das eigene Kolonial­warengeschäft.

Der Hauptzweig der Spedition waren die Fuhren nach München. Der Wag­ner Toni, „Botn Toni” genannt, war hier der „Spezialist”. Der Fuhrknecht hatte für seine Aufgabe verschiedene Befugnisse: Er konnte Bauern zum Beispiel für den „Vorspann” verpflichten, aber auch Polizei und Militär um Hilfe bitten. Je nach Art des Gutes standen hierfür verschiedene Wagen in der Remise: Wie Plachen-, Bruck- und Heuwagen. Wie es heißt insgesamt zwölf. Mehrfach deswegen, man brauchte ja auch die Wagen zum vorheri­gen Aufladen. Transportiert wurde zum Beispiel Heu und Getreide fürs Mi­litär. Da diese Tour an einem Tag nicht erledigt werden konnte, wurde am Rosenheimer Platz Unterkunft „beim Lift’n”für Mann und Ross genom­men. Oft wurde die Ware am Viktualienmarkt „umgeschlagen” und das fi­nanzielle abgewickelt. Gegentransporte wird es auch gegeben haben.

In früheren Zeiten nutze man, wegen der steilen Berge, den Weg über Ad­ling. Deswegen wurden die „Stadtpferde” erst in Oberpframmern einge­spannt. Wie Schwaiger auch weiß, waren solche Transporte durch Räuber gefährdet. Heimwärts hatte der Fuhrknecht ja auch den Erlös bei sich. Des­halb hatten zwei Hunde den Transpost zu begleiten. Einer „der Waglhund” hatte unter dem Wagen sein aufgehängtes Quartier und der andere auf dem Wagen.

Mit dem Bahnanschluss Glonns 1894 war das „Botengeschäft” nicht erle­digt. Die Bahn konnte zum Beispiel Ware nicht „von Stadel zu Stadel” lie­fern, da hätte man umladen müssen. Die zwei Pferde in der Landwirt­schaft wurden natürlich auch in der Spedition im engeren Umkreis einge­setzt. Da gab es ja genügend Bauern, die nicht mit Roß und Wagen zum Beispiel ihre Baumstämme zur Säge bringen konnten. Schon der gut 13­jährige Franz (3) musste hier tätig werden. Als ihm einmal bei einer Fuhre, beladen mit fünf Stück 15-Meter langen Stämmen, durch einen Schuss des Försters Link die Pferde „scheu” wurden und die Deichsel des Vorderwa­gens über den Köpfen der Pferde im „Kitzelseemoor” lag, da pressierte es. Der „Bub” lief nach Glonn, um Hilfe zu holen. Dabei verständigte er auch die Adlinger. Bis aber aus Glonn Hilfe kam, hatten einige Adlinger die Pfer­de schon gerettet. Wer denkt da nicht gleich an Kinderarbeit, aber der Schwaiger Opa ist trotzdem 94 Jahre alt geworden.

Dass beim „Bot” ein guter Arbeitsplatz war, wird auch vom Schriftsteller Hans Ernst, der einige Jahre dort Knecht war, in „Hand am Pflug” bestätigt. Aber auch der „Wagner Toni” der schon 1897 beim „Bot” als stolzer Fuhr­knecht auf einem Foto zu sehen war, sowie der Bäckermeister Josef Biede­rer, der von 1918 bis 1942 beim „Bot” war, und viele andere, werden dies anerkennen. Aber auch die „guten Geister” des Hauses wie „Aya” Christine (1889-1980) und Hildegard (1926-1989) Schwaiger dürfen nicht vergessen werden.

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