
von Hans Obermair
erschienen am16.8.2024 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung
Es ist davon auszugehen, dass, bevor in Glonn irgendwer einen „Federkiel” in die Hand nahm, schon über Glonn oder die Glonn geschrieben wurde. Denken wir an die Botschaft von 774, die etwas später durch den „Notar” des Bischofs Hitto auf „Per-gament” gebracht wurde. Im Grunde eine Notwendigkeit, denn die Zeugen, die einst in Ausübung ihres Amtes vielleicht an den Ohren gezogen, ,,segneten” allmählich das Zeitliche. Die „Mächtigen” mit ihren Ansprüchen ändern sich mit der Zeit und dann gilt eben nur mehr, was „Schwarz auf Weiß” geschrieben steht.
So wird es auch bei ersten, in Glonn gefertigten Schriftstücken gewesen sein, die wohl der Pfarrherr, vielleicht vor über einem Jahrtausend, pflichtgemäß aufschrieb, um etwas zu sichern oder zu beantragen. Man muss bedenken, dass Schreiben früher auch ein aufwendiges Geschäft war, denn man brauchte ja Feder, Tinte und Papier, das man nicht um die Ecke so erwerben konnte.
Als “reine” Literatur, die viel mit Sprache zu tun hat, sind und waren diese “Verwal-tungspapiere” allerdings nicht einzuordnen. Aber sie sind eine wichtige Basis, für die Glonner Geschichtsschreibung. Und hierzu hat der Glonner Lehrer Johann-B. Dunkes 1840 bis 1868 einen wichtigen Beitrag geleistet. Im Wesentlichen eine Bestandsauf-nahme. Auch Lehrer Hecht hat für die Glonner Geschichte viel festgehalten. Zum ers-ten gedruckten Buch über Glonn brachte es Johann Niedermair, 1909. Sicher auch im Hintergrund das gute Beispiel des Ortsarztes Lebsche. Dieses erste Buch über Glonn wird kein „Renner” gewesen sein, sonst hätte man nicht die Gemeinderäte dazu „ver-donnert”, je 10 Stück zu ordern. 1939 wird dann schon die Nachfrage dafür gesorgt haben, dass mit Hilfe von Wolfgang Koller eine ergänzte und erweiterte Neuauflage zustande kam.
Der Glonner Schneidermeister Hans Wäsler hat als Zeitzeuge ein umfangreiches handschriftliches Werk angelegt. Für Maria Sedlmair, die gebürtige Glonnerin, war es dann eine gute Basis in „Glonn meine Heimat” sozusagen mit dem Wissen von Hans Wäsler von „Haus zu Haus” zu gehen. Schon in den Dreißigerjahren hat Wolfgang Kol-ler in vielen Zeitungsartikeln Glonner Kunst und Geschichte vorgetragen. Mit seiner Broschüre zur 1200-Jahrfeier 1974 hat er dann nicht nur sein historisches Werk über Glonn abgeschlossen. Des Weiteren ist auf eine Artikelserie des in Glonn wohnenden Archivrates Dr. Heinrich Huber hinzuweisen. Auch dank dieser Geschichtspioniere ist das heutige Glonner Geschichtsbewusstsein im Aufwind. Barbara Kreutzer hält als Gemeindearchivarin sozusagen die „Fäden” in der Hand.
Lena Christ – Schwieriges Schicksal
1881, unbemerkt, wurde im Glonner „Hansschusterhaus” der Grundstein gelegt, der einmal den Namen Glonn, weit über seine Grenzen hinaus tragen sollte, und in der Li-teratur zum Begriff werden ließ: Das „ledige Kind” Magdalena Pichler, später Lena Christ, ist hier geboren, bei den Glonner Großeltern aufgewachsen und an ihrem sieb-ten Geburtstag von der Mutter nach München geholt. Vom kleinhäuslerischen Haus-halt der Großeltern hinein in die Großstadt, ins Wirtshaus und die Großstadtschule als ,”Datschen”, größer kann ein Unterschied nicht sein. Reichlich mit Aufgaben bedacht, bleibt das “Lenei” neben den Geschwistern, die “Hinzugestoßene”, so dass nach fünf Jahren München Glonn zum Zufluchtsort wird. Jetzt “des Gscheidal” in der Glonner Schule wird sie sich mehr erlauben. Nach einem Dreivierteljahr wieder bei der “Mingara Muata” ist nichts besser. Auch die Flucht in Religion und Kloster sind nur Episoden. Heirat, drei Kinder und Scheidung treiben sie in die Arme eines Schriftstellers und dann eines Sängers. Der Schriftsteller erkennt ihr Talent zum Schreiben. Stoff gibt es ja genug. In “Erinnerungen einer überflüssigen”, ,”Bauern” und “Unsere Bayern” ,”Lausdirndlgeschichten”, ,”Die Rumplhanni”, ,”Matthias Bichler” und “Madame Bäuerin” kann sie alles verarbeiten und einbauen, was sie erlebt und mitbekommen hat. In der Szene wird sie bekannt, bis hin zum königlichen Frühstück. In ihren Werken hat sie viel “Glonn” eingebaut. Die Glonner “lesen” sie auch und merken, dass vieles als selbst erlebt beschrieben ist, was so nicht stattgefunden hat. Besonders in den “Lausdirndlgeschichten”. Glonner Honoratioren werden “derbleckt”. Das nehmen ihr die Glonner übel. Hinzu kommt immer noch die Hypothek ein “lediges Kind” zu sein. Dann ist sie geschieden, sie hat Bilder gefälscht und ist schon “gesessen”. Auch ihr “Drehbuch” kommt ins Wanken. Fazit: Selbstmord am 30. Juni 1920. In Glonn dauert es drei Jahre, bis es zu einer Gedenktafel kommt. Dann ist es der Glonner Wolfgang Koller, der Lena Christ noch persönlich kannte, der aber auch eine “literarische Ader” hatte, und der sie nach Glonn zurückholt. Zug um Zug, auch durch einen rührigen Kulturverein, wird sie hier wieder entdeckt. Als dann 1981 ein guter Teil “der Rumplhanni”, der Geschichte ihrer Mutter, in Glonn verfilmt wird, machen die Glonner mit, als gehe es um ihre eigene Geschichte. Heute ist sie wieder “eine von uns” und wir sind stolz auf sie.
Hans Ernst – Romane und Theaterstücke
Als weiterer Glonner Schriftsteller gilt Hans Ernst. Wie bei Lena Christ erinnert auch an ihn in Glonn eine Straße. 1904 ist er in München geboren. Auch das Schicksal hat es mit ihm nicht immer gut gemeint. Wenn ihm was in die Wiege gelegt war, dann sein Name: Hans Ernst. Kürzer und prägnanter geht’s für einen Autor nicht. Ansonsten: Armes Elternhaus, durch den frühen Tod der Mutter im Waisenhaus, dann eine böse Stiefmutter. Ein verordneter Landaufenthalt ist ein Glücksfall. Auch die spätere “Karriere” als Bauernknecht. Ein kleines Zubrot: Das Schreiben von Liebesbriefen für weniger Geübte. Erfolgreich!
Und endlich “landet” er in Glonn, nicht nur beim “Bot” mit der im wohl gewogenen “Schwoagarin”, sondern auch beim Trachtenverein und wieder auf der Laienbühne. Dieses “Theataspuin” wird ihm für vier Jahre zum Beruf. Ab 1932 ist er wieder in seinem “geliebten” Glonn und für die “Glonnthaler” auf der Bühne. Wegen seines Talents wird er zum “Kreislaienspielwart” ernannt. In einer Glonner Mansardenwohnung, für die er die Miete auch mit so manchem Buchgeschenk erledigen muss, wird er der Gendarmerie zugeordnet, später auch in Ebersberg. 1939 heiratet er die Kolbermoorerin Helen Kraus. Nach dem Krieg vorübergehend wieder Knecht, kann er dann in Kolbermoor seinen Lebensmittelpunkt aufbauen und kann schreiben. Er hatte ja mit Lena Christ in Glonn ein gutes Vorbild. Dieses Glonn blieb aber auch seine zweite Heimat. In seiner Autobiografie “Die Hand am Pflug”, wohl sein Hauptwerk, ist alles nachzulesen. 110 Romane und vier Theaterstücke hat er hinterlassen, die sich vornehmlich mit Land und Leuten befassen.
Wolfgang Koller – Lehrer und Autor
Wolfgang Koller, 1904 in Glonn geboren, wurde für seine Geschichtsbeiträge schon erwähnt. Der Lehrer, spätere Schulleiter, Seminarleiter sowie Oberschulrat, hatte ein Faible für Menschen und Kultur, besonders auch für die Mundart. Dies ließ er nicht nur in seine Arbeit in Wort und Lied einfließen, sondern auch in seine Mundartwerke, wie dem “Schönauer Krippenspiel” und einer Reihe von Mundartgedichten. Sein be-sonderes Verdienst ist es auch, dass er nicht nur, seine ihm anvertrauten Lehrerinnen und Lehrer für Mundart begeisterte, sondern dass er auch den Stellenwert der Mundart in Ausbildungsplänen und Unterrichtsunterlagen förderte. Auch das ist eine literarische Leistung.
Dass sein Sohn Bernhard, 1934 geboren, zum “ganz anderen” Dichter als der Vater wird, mag mit dem uralten Phänomen der Abnabelung zu tun haben. Jedenfalls hat Bernhard als Dichter seinen Stil und seinen Weg gefunden. Was er dichtet, ist nicht Gereimtes, aus Mundart und Heimatverbundenheit, das heißt, es reimt sich im herkömmlichen Sinn gar nichts mehr, was er zu sagen hat Nur mehr Worte werden aneinander gereiht, die weniger Antworten als Fragen sind. Aber auch die Zeit damals hatte mehr Fragen als Antworten. Und Bernhard Koller wahrscheinlich erst recht. Vielleicht war das auch Drama seines frühen Todes, schon mit 20. 1965 würdigt Carl Amery den Dichter in “Efeu für einen Jüngling”. Ein „dritter” Koller hat sich in Glonn schreibend verewigt. Der älteste Bruder von Wolfgang, Karl, war letzter Generalstabschef der Deutschen Luftwaffe. In “Der letzte Monat” schreibt er seine Geschichte über die letzten Kriegstage.
Die Reihe der in Glonn Schreibenden, ist damit noch lange nicht abgeschlossen. Auch wenn Vieles sich nicht in Buchform wiederfindet, jede Zeile, egal in welcher Form auch immer erschienen, ist wichtig für die Erinnerungskultur. Es sind “Fundamente” Glonner Geschichte.



