
von Hans Obermair
erschienen am 31.8.2024 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

Dr.Heinrich Held, gestorben 1953 in Glonn, war der Pionier der Bayerischen Schulgeschichte Foto:©Hans Obermair
Der Verfasser der dreibändigen „Altbayerischen Volkserziehung und Volksschule“, Dr.Heinrich Held, 1953 in Glonn verstorben, schreibt, dass mit der „Römischen Welt“ wohl auch manche „pädagogi“, heidnische und christliche Hauslehrer, gekommen seien. Demnach habe es damals keinen Schulbetrieb im heutigen Sinne gegeben. Schule war also nur privat. Erst im Zuge der Christianisierung und der Gründung von Klöstern dürfte bei uns die Institution Schule entstanden sein. In den Klöstern sicher vorrangig zur Ausbildung des Ordensnachwuchses.
Dass die Klöster mit ihren Schulen auch ins Umland wirkten, war und ist ja auch deren Aufgabe. Der Benediktinerorden leistete hier Pionierdienste. Auch der damalige bayerische Staat, unter Herzog Tassilo 111, erkannte Schulen als notwendig und so entstand im Jahr 770 oder 772 anlässlich der Synode in Neuching (LK Erding) das erste Schulgesetz im heutigen Deutschland. Mit Franz von Assisi bildete sich ein neues Mönchstum. Der Lebensunterhalt dieser Mönche war nicht durch die Wirtschaft eines Klosters getragen, sondern durch Almosen. Daher gab es Wandermönche. Unter anderem war ihre stiftungsmäßige Aufgabe die Unterrichtung der Fächer Religion, Lesen und Schreiben. So wurde auch dort, wo es keine Schule gab, Einzel- oder Gruppenunterricht gegeben. Wenn dann Jahrhunderte später der Tegernseer Benediktinermönch P. Heinrich Braun mit seiner Bildungs- und Schulreform in die Aufklärung hinein wirkt, kennzeichnet das auch, wer über alle die Jahrhunderte hindurch maßgeblich unser Schulwesen getragen hat Klöster und Pfarreien. 1802 wird unter Kurfürst Max IV, die allgemeine Schulpflicht für 6-12-jährige eingeführt. Wohlgemerkt noch im Alten Baiern, das im Wesentlichen nur aus Oberbaiern, Niederbaiern und der Oberpfalz bestand. Mag sein, dass dieses 1802 auch der kommenden Säkularisation Vorschub leis-tete, weil abzubrechende Kirchen und Kapellen ja auch Baumaterial für fehlende Schulen sein konnten.
Lehrkräfte wechseln sehr häufig
Für die Glonner Schulgeschichte können wir wieder auf Heinrich Held verweisen: Im Visitationsprotokoll von 1560 heißt es: „Hat diser khain schuel, Ist in bei weilen ainer von der gemain und Kindern erhalten worden. Hatt seiheer offt ainen Schuelmaister ghabt aber nit lange ist von der gmain vnd khindern erhallten worden hat aber diser Zeit khaine.“ Damit wird gesagt, dass Glonn schon vor 1560 eine Schule hatte, aber keinen Lehrer. Ein Schulhaus war mit Sicherheit nicht vorhanden. Diese Situation ist für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich.
Der häufige Lehrerwechsel wird wohl mit der Existenzfrage der damaligen Lehrer im Zusammenhang stehen, obwohl die Größe der Pfarrei 1560 mit rund 800 „Kommuni-kanten” angegeben ist. Ein nächstes Glonner Schuldokument finden wir im Sterberegister von 1642 über den Tod „Cantor et Ludimagister” (Organist und Lehrer) Balthasar Kazmair. Der Schulbetrieb kostete. Und so war dessen Existenz immer auch eine Finanzierungsfrage. So ist es ein „warmer Regen” für die Schule, als die Glonner Wirtin Magdalena Zächerlin durch Testament 1648 ihr Drittel am Zehent von vier Münsterer Anwesen dem jeweiligen Lehrer oder Organisten in Glonn vermachte. Damit ist ein Basiseinkommen für einen Glonner Lehrer auf über 150 Jahre gesichert, denn dieser Zehent ist noch im Jahre 1803 Teil des Lehrereinkommens. Für das Jahr 1803 sind dar-aus 40 Gulden veranschlagt. Diese Schenkung könnte der Dank dafür sein, dass Magdalena Zächerlin und ihr Ehemann 1636 dem Pesttod entkommen sind. Von diesem Ereignis berichtet uns Pfarrer Schmalzmair. Aber auch die Glonner Allerseelenbruderschaft übernahm für ein Jahrhundert das Gehalt eines Hilfslehrers.
Dass nicht nur die Glonner Lehrer „arme Hunde” waren, kann damit zusammenhängen, dass sie im Sinne der Bevölkerung nicht „produktiv“ waren, also nichts erzeugten. Der obligate Organistendienst in der Pfarrei war daher ein Zubrot. Hier ein paar Beispiele: So diente Lehrer Knöpferl von 1766 bis 1795 insgesamt unter vier Pfarrern, deren Aufgabe auch die Schulinspektion war. Bei seiner Einstellung wurde er vom Pfarrer als Cantor, Organist und Lehrer „examiniert“. Als er 1795 verstirbt, hat seine Witwe die Schule weiter gehalten.
Scheinbar ohne Erfolg, denn wie es heißt „Die größeren aber, welche schreiben lernen wollten, sind ausgeblieben“. Nachfolger war, wohl zunächst als Aushilfe, Simon Sehretter. Er kann auch „Orgelschlagen und Singen“. Sehretter ist ledig. Den Mesnerdienst könne man ihn nicht anvertrauen, weil er „unbemittelt“ ist, wegen der Gerätschaften. Wir sind in der Zeit der Aufklärung. So hat er den „lluminateneid“ abzulegen, also dass er kein Aufklärer sei. Es bleibt bei der Aushilfe, fest angestellt wird er nicht..
Heftige Vorwürfe gegen den Lehrer
Auch Lorenz Bäck hat sich 1796 um die Glonner Stelle beworben und ist dem Sehretter unterlegen. Jetzt ist er drangekommen. Bis 1817 ist er in Glonn, obwohl er bei der Behörde „angeschwärzt“ wird: Er verderbe die Kinder aus Unwissenheit und Eigensinn. Auch heimtückisch sei er. Der Schulbesuch ginge zurück. Eventuell auch wegen der neuen Schulpflicht und dem Schulgeld. Er „verführe“ die Kinder. Als Beispiel wird angeführt, dass statt der Vorschrift „Mit Gott fang an, mit Gott hör auf“ werde gesagt „Mit dem Teufel fang an…”. Außerdem beklagt er sich, dass er im „Zölibat“ lebe, er müsse selber kochen, denn im Wirtshaus bräuchte er doppeltes Geld. So berichtet es Cooperator Waltl ans Landgericht.
Sein neuer Vorgesetzter, Pfarrer Amann, bewertet das Ansuchen von Bäck auf Heirat positiv. Es sei eben „anständiger“ wenn er verheiratet wäre. Er steht im 40. Lebensjahr und die Braut vermutlich einiges jünger, lasse aber befürchten „wenn er aber sterbe, würden Frau und Kinder einander zur Last fallen.“ Der Gegenstand seiner Verehelichung” (Braut) sei zwar nicht vermögend, aber sie sei eine „nähend, spinnend, strickend und anderes weibliches” sehr geschulte Person und könne ihn als Lehrerin in der Industrieschule (Handarbeit für Mädchen) an die Hand gehen. Auch die Gemeinde sieht die Heirat positiv. Allerdings mit der Einschränkung, dass diese gegebenenfalls nicht für die Witwe aufkommen könne. Von höherer Stelle kommt aber ein „nein“, weil die Gemeinde sich weigert, gegebenenfalls für Witwe und Waisen zu sorgen zu müssen. Böck bleibt ledig.
1808 beschwert sich Sebastian Schwarz aus Adling über den Lehrer: ,“Der Schullehrer in Adling bedient sich für seine Schulkinder eines Riemens mit Knöpfen und schlägt mit solchem selbe meistentheils auf den Kopf, welches sehr schädlich und gefährlich ist. Den kleinen Knaben von sieben Jahren schlug er mit diesem Riemen so lange auf den Kopf, dass er einige Zeit ganz wahnsinnig war.”
Er schickt seinen Knaben nun in die Schule nach Altenburg, müsse aber trotzdem das Schulgeld nach Adling bezahlen. Weiter meint der erboste Vater: ,“Entweder muss demselben das barbarische Schlagen verboten, oder der Schulzwang muss abgestellt werden”. Die Beschwerde geht weiter. Es wird allerdings festgestellt, dass es in Adling keine Schule gebe. Der Kläger wird als „unrichtiger Vogl” dargestellt. Hintergrund der Klage dürfte gewesen sein, dass das Kind nach Altenburg zur Schule gehen sollte, viel-leicht wegen des geringeren Schulgeldes, oder dass das „Schulschwänzen“ in Glonn nicht auffalle. Zwei Monate später stellt der Schulinspektor Pfarrer Müller aus Egmating fest, dass der Lehrer von Glonn „zwar einen Riemen, aber ohne einzigen Knopf habe”. Im Übrigen verteidigt er Bäck als guten Lehrer. Aber auch die Eltern sind nicht immer zufrieden mit Bäck.
1814 geht Bäck nach Aying
1811 beklagt sich Bäck beim Landgericht. Wegen des angebauten Schulzimmers würde das Holzgeld von vier Kreuzer je Kind nicht mehr ausreichen und man müsse frieren. Er stellt fest, dass die Schule einen „Setzkasten, Tabellen und so anderes” nötig hätte. Wegen des schlechten Schulbesuches und des ausstehenden Schulgeldes beklagt er sich über die nachlässigen Eltern. Wenn das Schulgeld eingehe, gedenke er Lehrmittel selbst zu kaufen. 1814 verlässt Lehrer Lorenz Bäck Glonn. Er hat rund 300 Gulden Außenstände. Er tritt sie per Protokoll an seinen Nachfolger Roman Hirschböck ab. Bäck, nun 48-jährig, geht an die Schule nach Aying.
