Kunst in Glonn – Musik und Gesang

von Hans Obermair
erschienen am 25.6.2025 unter demTitel “Wie Glonn klang und sang” im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

 

Glonner Musikanten um 1949 v.l: Jakob Neuner, Christian Bell, Paul Mennacher, Balthasar Steinecker, Max Neuer, Martin Anderl jun. und sen., Georg Guggenberger. Unter dem Bild vermerkt: “Der Meßner Sepp war von der Gefangenschaft noch nicht daheim. Foto:©Hans Obermair

Wenn man davon ausgehen darf, dass „Musen“ als  göttliche und schöpferische  Inspirationsquelle  sind, dann wurde Glonn überdurchschnittlich von diesen „geküsst“: Sowohl Maler, Schriftsteller und Musiker haben sich hier wohlgefühlt und konnten sich entfalten.  Aber auch die Handwerkskunst brachte es hier zur Blüte. Allen ist eines gemeinsam: Durch Bearbeitung und Zusammenfügung einfachster Ideen oder Materialien werden diese einem höheren Zweck zugeführt –eben zur Kunst.  Das Wort Kunst kommt von „Können“ und erfährt auf diese Weise seine volle Bestätigung. Warum gerade oder auch in Glonn?  Der Glonner Lebensraum ist für Vieles lukrativ.  Unsere Pfarrkirche mit seinen Filialen, sowie die Schlösser Zinneberg und Mattenhofen  bilden für Künstler eben eine gute „Auftragslage“  und damit ein lebensfähiges Umfeld. Dass Glonn auch über Jahrhunderte Sitz des Dekanats war, hat dies sicher gefördert.
Gehen wir vom Werkzeug aus, so ist das wohl älteste die menschliche Stimme. Und so wird  Gesang die älteste Kunst in Glonns sein. Hier gab es zwar kein Kloster, aus dem mittelalterliche Choräle zu hören waren. Aber sicher ist, dass schon 1642 Balthasar Katzmair, seines Zeichens „Cantor und Ludimagister“ in der Glonner Kirche die „Orgel schlug“ und mit seinen Gesängen den Gottesdienst bereicherte.  Wenn dann ab 1684 der  Glonner Maler Herlemann beim „Chelionarius“  (Fidler) Pachmair für dessen Kinder die Patenschaft übernahm, war das nicht nur im Rahmen einer Künstlerclique , sondern auch eine Ehre für die Familie des  Musikers. So auch bei Philipp Arnold, „Geigerlipp“ genannt, der im Schloss Mattenhofen wohnte und für seine sieben Kinder keine geringeren als die “Reiserthalers”  als Paten hatte. Scheinbar hat der „Geigerlipp“  dort auch zum Tanz aufgespielt. Immer wieder finden wir in den Glonner Pfarrbüchern den Beruf des Musikers. Sie waren in der Regel nicht in Glonn gebürtig, aber hier „hängen“ geblieben. Einmal hat der Herr Pfarrer 1795 die Tochter des Geigers Holzinger sogar mit “Geigenmelkerfilia” eingetragen.  Ob Spott oder Ehre?
Dass der Priester und Komponist Franz Kalter als vormaliger Freisinger Domkapellmeister 1758 Glonns Pfarrei übernahm, mag kein Zufall sein. Vielleicht war Glonns Kirchenmusik über seine Grenzen hinaus bekannt.  Kaltner, dessen Werke heute noch, nicht nur in Glonn, aufgeführt werden, hat wahrscheinlich die Größe unserer heutigen Pfarrkirche vorgegeben. Nicht ungewöhnlich, er kam ja aus dem barocken Freising. Wenn sich dann 1822 Orgelbauer Wagner, ein gebürtiger Salzburger, in Glonn sesshaft macht und mit rund 60 Orgeln Kirchen zum Klingen brachte, mag das auch für den Glonner Musikstandort sprechen.

So wie einst in Schloss Mattenofen der „Geigerlipp“  unterhalten wurde und im Gegenzug unterhalten hat, wird auch Schloss Zinneberg keine musikalische “Diaspora” gewesen sein. Wahrscheinlich  hielt man sich “Mehrere”, denn wenn man “Fugger”, oder “Arco”  heißt und gar mit dem Österreichischen Kaiser verwandt ist, wäre  um Beispiel eine „Fidel“ allein doch etwas “unterbesetzt”. Unterlagen aus der Fuggerzeit sind hier zwar (noch) nicht entdeckt. Es ist aber sicher, dass die Arcos freundschaftlich verbunden waren mit dem „Zihermaxl“, dem Vater der „Sisi“. 1844 schenkt Herzog Max seinem Freund gar die „Zinneberger Polka“, wie Hans Huber weiss. Ob dann, wenn diese Polka gelegentlich vom Herrn „Compositeur“ selbst in Zinneberg „aufgespielt“  wurde, sich das „Deandl“, später „Sisi“ genannt, derzeit auf Zinnebergs Wiesen austoben durfte, wäre ein schöne Vorstellung. Vielleicht leisteten sich die neuen Herren auf Zinneberg keine eigene Musi mehr, denn 1859 führte die „Glonner Musi“ den Zinneberger Maskenzug an, 1862 spielen die Glonner Trauerzug und Requiem beim Tod der Mutter des Schlossherren Pallavicini, 42 Gulden war ihm das wert. Und 1872 ist von den Glonnern eine „Theatermusik“ in Zinneberg vermerkt. Und dass man sich bei so manchen Ständchen den „Thaler“ des Schlossherren nicht entgehen ließ, ist logisch. Diese Glonner Musikanten  waren allerdings keine “Fremden”. Meister Diemer wohnte ja anfangs in Zinneberg und ließ sich wegen seiner Braut dort nieder. 

Ein Glücksfall für die Glonner, aber auch für die Oberbayerische Blasmusik, war die aus Grafing stammende Musikerfamilie Diemer. Anton Diemer heiratet nach Glonn und übernimmt das Amt des Zinneberger Gerichtsdieners, der in Glonn 24 (später Gürteler) “residiert”.  Gleichzeitig ist er “Lotterieeinnehmer”.  1842 folgt ihm Bruder Alois als Färbergeselle nach Zinneberg.  1845 heiratet er hier Barbara Schenkelberger, die Tochter des Zinneberger Gärtnermeisters.  Diese Familie stammt aus der Rheinpfalz und ist protestantisch sowie mennonitisch. Ein Jahr nach der  Hochzeit ist die Braut allerdings schon katholisch, wohl eine Voraussetzung  für die Eheschließung.  Selbstverständlich spielte dabei die  “Diemermusi”. Von den sieben Musikern hatten nur zwei ihren Wohnsitz in Glonn, darunter auch Anton. Erster Glonner Auftritt dieser Formation war am 1. Januar 1844 anlässlich einer Neujahrsmusi.  Die Musik kann das junge Paar nicht ernähren. Alois wird Drechslermeister und betreibt den Handel mit Heu. Durch den frühen Tod des Orgelbauers Wagner konnte dessen Anwesen erworben und das neue Haus gebaut werden. Inzwischen waren es acht Kinder: Sieben Buben und Tochter Katharina. Die Söhne hatten beim Vater Musikunterricht. Sohn Alois verstarb 1870 erst 25-jährig. Dass man sich dank der Söhne auch teilen konnte, und wegen der guten Auftragslage des Öfteren auch musste, zeugt vom Bekanntheitsgrad dieser “Musi”.  Wenn man beim “Bräu” Liebhart in Aying  sowohl  die “Grüne”, “Silberne” und “Goldene Hochzeit” zu spielen hatte, weiß man dass die Glonner “die” Musi der der Gegend waren. Wenn sie auch immer wieder in Glonn mitspielten, machten sich einige Söhne “selbstständig”. Und so haben Blaskapellen wie die in Holzkirchen, Bad Aibling, Wildbad-Kreuth und Bad Tölz auch Wurzeln in Glonn.  Aber auch die Blaskapelle Stammsried im Bayerischen Wald hat hier Wurzeln. Und wenn Anton Diemer in  Wildbad–Kreuth mit den Seinen aufspielte, hören auch die Familie Mann (Thomas) und Hofkapellmeister Rheinberger zu. Letzterer nennt Anton Diemer den besten Bläser Bayerns, den er kenne.

Dass sich die “Buben” selbständig machten, mag der Grund sein, dass die Glonner Tradition auf Schwiegersohn Franz-X. Faßrainer überging. Der gebürtige Ebersberger gehörte schon seit Jahrzehnten zum Glonner “Stamm” und führte die Musi erfolgreich weiter. Gründer Alois Diemer verabschiedete sich nach 54 Glonner Musikerjahren 1899 in die Ewigkeit, also vor 125 Jahren. Nun hieß sie die „Faßrainer-Musi“. Nach weiteren zwei Generationen musste ihr Leiter „Musikmeister und Chorleiter“ Franz-X. Faßrainer in russischer Gefangenschaft 1945 seinen Taktstock niederlegen.  Dass nach dem Krieg weiter gespielt wurde versteht sich von selbst. Und so darf die heutige “Glonner Musi” unter Leitung von Albert Singer stolz auf ihre Tradition zurück blicken, nicht nur mit einer noch nie dagewesenen Größe, sondern auch mit einem Repertoire, das jeden Vergleich der letzten 180 Jahre standhält. Mehr über die Geschichte der “Glonner Musi” kann im Internet der Gemeinde Glonn nachgelesen werden.
Auch der Glonner Kirchenchor, die wohl älteste Gemeinschaft des Glonner Musiklebens, ist ein wichtiger Pfeiler unserer Kultur. Schaut man in den Notenbestand, dann traut man es der Gemeinschaft auch zu, dass man nicht nur viele der großen Messen aufführen konnte, sondern auch das volle Mozartrequiem  sowie den Messias. Bei einer konzertanten Aufführung der “Cäcilienmesse”  waren es gut 100 Mitwirkende, zu einem hohen Anteil aus Glonn. In rund 25 Jahren seines Wirkens konnte der jetzige Organist und Chorleiter  Thomas Pfeiffer immer wieder zeigen, zu was Glonner Kirchenchor und Orchester fähig sind. Die jeweiligen Glonner Pfarrer konnten und können stolz auf ihren Kirchenchor sein, den sie ja immer auch nach Möglichkeit gefördert haben.

Als Glonner Männergesangsverein wurde 1906 durch Lehrer Grad der heutige Chor-und Orchesterverein ins Leben  gerufen. Wenn er sich auch einmal “Sängeriege des Turnvereins” nannte und auch einmal mit der “Sparte „Salonorchester” aktiv war, ist er heute als gemischter Chor aktiv und damit noch ein wichtiger Teil des Glonner Musiklebens. Hans Peljak ist der Dirigent. Dass es in Glonn auch immer wieder außerhalb der Gemeinschaften musikalische Gruppen gab, versteht sich von selbst. Erinnert sei hier an die “Drei Hansen”. Veranstaltungen wie die  „Kaffekranzl“ waren ihre Domäne. Bei  alten und neuen “Schlagern” und so manchem “selbstgestrickten” Witz unterhielten sie ihr Publikum.

Wo Musik zu Hause ist, fühlen sich auch die wohl, die Musik aufschreiben. Erinnert sei an den “Diemer Dori”, der für Blasmusik “schrieb”.  Die Kirchenmusik erinnert nicht nur an Franz Kaltner (siehe oben), sondern auch an den Glonner Pfarrer Loithaler (bis 1971), der, wenn es der Dienst  am Altar erlaubte, selbst “seinen” Kirchenchor dirigierte oder die Orgel spielte. Selbst studierter Musiker und langjähriger hauptamtlicher Chorregent in München, hat er Einiges komponiert, das auch in Glonn immer wieder aufgeführt wurde. Auch Reinhard Grieshaber hat  es 1971 nach Glonn verschlagen. Dann auch Kirchenchorleiter und Leiter der Chöre im Chor-und Orchesterverein, hat er uns so manchen “Ohrwurm” hinterlassen. Der wohl berühmteste dieser Zunft war der weltbekannte Komponist Professor Günther Bialas, an den in Glonn eine Straße erinnert. Aus Schlesien stammend und nach dem Krieg nach Glonn “verschlagen”, hat er sich hier schnell wohlgefühlt. Hier gab es ja  Musik und natürlich auch Ludwig Mayer, den Neuwirt, den einstigen Militärmusiker und Bürgermeister und ein Mentor des Glonner Musiklebens. Bei dem gab es in diesen schlechten Jahren nicht nur Musik, sondern auch etwas zu Essen. Auch Herrmann Prey, der große Bariton war, wenn er Bialas besuchte, gerne beim „Neuwirt“, diese jahrhundertelange Herberge des Glonner Musiklebens.

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