von ©Hans Obermair
erschienen am 2.1.2024 in leicht veränderter Form unter dem Titel “Alte und ganz alte Glonner” im Lokalteil der Ebersberger Zeitung
Seit wann gibt es Glonner? Ob es schon „Hiesige“ waren, die eine über 4000 Jahre eine Kulturschicht im Boden hinterließen? Eher schon, denn wer Steinmesser, Steinschaber und Spinnwirtel hinterlässt, war kaum nur ein Durchreisender. Und wenn der 1945 in Glonn verstorbene einstige Ordinarius für Vorgeschichte an der Münchner Uni, Professor Birkner, diesen Fund als den „ersten neolithischen Siedlungsbefund innerhalb des Moränengebietes“ bezeichnet, muss doch was dran sein. So sieht es auch Gottfried Mayr der Schöpfer des Historischen Atlas für unseren Landkreis. Wenn dann ein Glonner sagt, uns gäbe es im Landkreis am längsten, so wäre das nur schwer zu entkräften. Und wenn er dann auch noch meint „wea ko dea ko – dea is vo Glo“, ist das auch nicht verkehrt.
Das Alter eines Ortes hat nichts mit durchgehender Besiedlung zu tun. Und so ist unser Glonn deshalb nicht jünger, weil vielleicht nicht alle Perioden entsprechend „aktenkundig“ sind. Jedenfalls haben die „Römer“, die ja nicht alle Römer waren, in Glonn Münzen von 41 nach Christus hinterlassen und damit ihre Anwesenheit bezeugt. Ob schon bei Prägung der Münze, oder später oder mehrmals, ist offen. Die „Via Julia“ die Römerstraße im nahen Helfendorf und die „Villa“ nächst des Steinsees, lassen ihre dauernde Anwesenheit wahrscheinlich sein. Vielleicht ging sogar eine vermutete Römerstraße in den Norden des Landkreises durch unsere Gemeinde. Nach den Römern in Bayern, etwa in der Mitte des fünften Jahrhundert, kam wieder ein „staade Zeit“ was nachgewiesene Siedlertätigkeit in Glonn angeht. Dass man seine Toten vielleicht schon im siebten Jahrhundert in Glonner Tuffplattengräbern bestattet, zeugt nicht nur, dass man hier die Verwendbarkeit des Tuffes erkannte hatte, sondern auch von einer Besiedlung. Nicht nur in Glonn, sondern auch in umgebenden Orten, stellte man diese Art der Bestattung fest. Ob seit den Römern die Besiedlung durchgängig war, oder ob spätere Völkerwanderungsleute es waren, darüber muss spekuliert werden. Aber wahrscheinlich waren diese frühen Glonner Angehörige des „Mischvolkes“ der Bajuwaren. 788 wechselte die „Regierung“ von den Agilolfingern zu den Franken.
Neue Siedler ließen die Ortsnamen nicht mehr mit einem „ing“ enden, sondern jetzt zum Beispiel mit einem „kam“, „ham“, „heim“ oder „dorf“. Auch das gibt es bei uns mehrfach: Balkham, Herrmannsdorf, Westerndorf. Die Namen die jetzt in den Annalen auftauchen, betreffen keine „kleinen“ Leute, denn diese waren ja „leibeigen“, also im Eigentum eines anderen und quasi rechtlos. Von diesen „Besseren„ die urkundlich in der Regel oft als Amtsträger oder Zeugen vorkommen, kennen wir in Glonn ab 1015 einen Witigo, einen Werinheri mit Willa und Otto, 1145 einen Siegboto, 1150 einen Heinrich , 1189 einen Ulrich und 1200 einen Tamno von Glonn. Wie wir sehen sind christliche Namen, auf dem Vormarsch. Erst als dann um diese Zeit das heute noch gültige Zweinamensystem, wohl auch aus verwaltungstechnischen Gründen, aufkommt, wird ein christlicher Heiligenname fast ausschließlich zum Vornamen. Die jeweils in einer Pfarrei vorkommenden Patrone und Heiligen, sowie die in einem Familienverband bereits vorkommenden Vornamen und natürlich die der Paten, sind vorrangig. Scheinbar hat man nicht gerne geredet, denn viele Vornamen wurden verkürzt und/oder in einer Verkleinerungsform ausgesprochen: Das war die Basis für den Glonner „Hans“ und „Sepp“. Ob dann ein Glonner mit Vornamen, Familiennamen, Hausnamen oder Berufsnamen gerufen wurde oder wird, kann bis heute ein Problem sein. Erst recht bei der Familienforschung für frühere Jahrhunderte, wo für die gleiche Person in den Matrikeln alle vier Rufformen einzeln vorkommen können.
Wenn es auch in der Bibel heißt „ich habe dich bei deinem Namen gerufen … (Jes.43,1)“, so war das kaum auf die Praxis übertragbar, denn viele haben ihren Namen, außer den Taufnamen gar nicht gewusst. So wie auch Agathe „Weisnit“, die Magd aus Frauenreuth, die noch 1768, laut Spendenliste für die Glonner Kirche, ihren Nachnamen nicht sagen konnte. Erst mit Anlage der Glonner Pfarrmatrikel 1630/34 wurde der allergrößte Teil der Glonner Leute erstmals nach und nach „aktenkundig“. Vorher nur, wenn man eventuell mit „Behörden“ zum Beispiel als Zeuge, mit einem Gericht, oder sonst amtlich, in Erscheinung trat. Es mag absurd klingen, wenn es für die Forschung ein Vorteil ist, dass, wer zum Beispiel etwas „ausgefressen“ hat, erst „existent“ ist, außer man findet ihn in auch in Kirchenmatrikeln. Ob dann alte Akten schon gefunden sind oder ob es diese überhaupt noch gibt, kann zum Glücksfall werden. Und so kann die Nachrichtenlage spärlich sein.
Für Glonn sind Aufzeichnungen vor 1500 selten. In der gängigen Literatur sind im Wesentlichen eigentlich nur die Mühlen genannt: 1417 der Furt-, 1490 der Wies-, schon im 14. Jahrhundert der Christl-, 1424 der Stein- und 1417 der Kothmüller. Erst das Kuchlbuch von 1501/1517, das uns Dr. Huber aufbereitet hat, nennt uns neben den fünf angeführten Mühlen in Glonn und Mühltal noch eine weitere Mühle (Oswolt), sowie zehn weitere Anwesen darunter der „Tafernwirt“, also insgesamt 16. Im Kuchelbuch genannt waren allerdings nur die, die dem Herzog Holz zu liefern hatten. Es werden aber noch weitere, kleinere, Anwesen in Glonn gewesen sein, die nicht „Holzlieferant“ sein mussten. Von den 16 waren nur drei in Eigenbesitz, die anderen 13 und wohl auch die die „weiteren“ waren im Obereigentum zum Beispiel des Landesherrn, des „Zinneberger“, des Kloster Ebersberg und der Glonner Kirche. Die Haupttätigkeit dieser Leute war wohl die Landwirtschaft als Nahrungsgrundlage. Viele Anwesen hatten im Nebenerwerb ein Gewerbe, was auch auf die Müller und den Wirt zutrifft. Weiter Angaben, insbesondere Personalien, finden wir in „Anwesen der Marktgemeinde Glonn“ (HP der Gemeinde).
Die später sieben Glonner Mühlen, die ihre Wasserkraft nach und nach auch zum „Sägen“ verwendeten, konnten natürlich von Glonn allein nicht leben. Und so brauchte man die Umgebung. Bis aus München sind Kunden vermerkt. Dieser „Zulauf“ brachte auch viel potenzielle Kundschaft, auch für andere Gewerbe, nach Glonn. So sehen wir auch an vielen alten Hausnamen, dass Glonn immer mehr zum Gewerbeort wurde. Auch die Aufträge aus Zinneberg förderten diese Entwicklung. Und so konnte Hazzi 1825 folgende Gewerbe feststellen: 1 Bader, 1 Bäcker, 1 Bierbrauer (Zinneberg), 1 Färber, 1 Faßbinder, 1 Metzger, 5 Hufschmiede, 2 Messerschmieden, 7 Müller, 1 Naglschmied, 1 Sailer, 1 Sattler, 2 Schneider, 1 Schlosser, 2 Schreiner, 7 Schuhmacher, 1 Wagner, 7 Weber, 1 Wirt, 1 Ziegler, 1 Wasenmeister, der allerdings nicht aufgelistet war. Die Glonner Dörfer sind in dieser Aufzählung mit erfasst. Dunkes kann nach 1860 in seinem „Lagebuch“ weiter Gewerbe nennen, wie den „Bot“ (Spediteur), einen Mühlarzt, Maler, Vergolder, drei Ärzte und eine Hebamme, Glaser und Uhrmacher. Was für ein Entwicklung diesen gut drei Jahrzehnten. Dass sich dann zu Lasten der fünf Glonner Branntweinschänken zwischen 1862 und 1875 sieben neue Gaststätten gründeten, zeugt von der weiteren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Um 1860 werden im Ort Glonn rund 500 Einwohner festgestellt. Nur mehr ein Anwesen betreibt Landwirtschaft allein. Dass mit dieser Entwicklung viele Gesellen von auswärts zuziehen, damit stellt sich für den Pfarrer auch eine soziale Frage. 1854 gründet sich dann ein katholischer Gesellenverein, einen der ersten in Bayern, um gewissermaßen auch diese, zunächst heimatlosen, Gesellen „aufzufangen“. Kommunistische Tendenzen sind laut Gründungspapiere untersagt. 1848 lässt grüßen. Aber auch in den Dörfern hat sich einiges getan. Die höheren Erträge, ausgelöst auch durch bessere Anbaumethoden, verlangten zunächst mehr Personal. Aber die Gründerjahre lösten eine Landflucht aus und wenn diese „Flucht“ auch zunächst nur in einem Glonner Handwerk endete.
Die Gewerbeentwicklung sorgte für einen überdurchschnittlichen Zuzug von außen. Ob das Verhältnis der „Alten“ mit den „Neuen“ immer harmonisch verlief, bleibt dahin gestellt. Jedenfalls hat es mittelfristig Glonn nicht geschadet. Dieses 19. Jahrhundert, war ausgehend auch geprägt von einigen Vereinsgründungen, während sich die in den umgebenden Dörfern in ihren „Zechen“ trafen. Der Bahnanschluss Glonns, 1894, brachte nicht nur die Glonner näher an München, sondern die Münchner haben Glonn zur Erholung entdeckt. Vor diesem aufgezeigten Hintergrund hat sich das Leben der Glonner, hinein ins 20. Jahrhundert, vollzogen. Aus ehemals einem Hof oder Handwerksbetrieb ein Leben lang „Hörigen“, wurden Arbeiter und Angestellte im heutigen Sinn. Ab den 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts meist auch schon mit Kranken- und Rentenversicherung. Die selbstständigen Bürger und größeren Bauern fuhren weiterhin mit ihrem „Gäuwagerlgespann“, während die Ärmeren auf ihr erstes Fahrrad sparten. Dabei blieb es nicht. Das Ziel war ein eigenes „Heisl“ für die Familie. Vorher war man aber in der Regel Mieter. Ein gemeinsamer „Abort“ und ein Wasseranschluss mit Gully in der Etage, war schon ein Luxus. Wir „Nachgeborenen“ sollen das alles nicht vergessen, wie unsere „Vorderen“ gerackert haben. Letzlich für uns Enkel und Urenkel. Und zufriedener waren sie auch noch, auch ohne täglichen Braten im Angebot und auch ohne Radio und Fersehen. Das Verständigungsmedium war meistens die „Hausbank“.
Bei unserem 1250-Jahr Jubiläum sollen wir uns immer vergegenwärtigen, dass Glonn, nicht in erster Linie aus unserer schönen Landschaft, aus Häusern, Straßen und einer Infrastruktur besteht. Glonn sind in erster Linie die Menschen die das alles geschaffen haben und die uns den Auftrag gegeben haben dies alles zu erhalten und weiter zu entwickeln. Sind wir uns aber auch bewusst, je mehr wir uns am Gemeinschaftsleben beteiligen, und seien es auch nur passive Vereinsmitgliedschaften, umso mehr dürfen wir uns Glonner nennen. Und das ist in Glonn nicht schwer. Einem Glonn, das Helmut von Cube 1949 als „sehr bayerische und sehr voralpenländische Idylle“ beschrieb. Lassen wir uns das nicht nehmen.
