Unsere Kartoffel – eine tolle Knolle


von ©Hans Obermair
erschienen am 31.8. 2023, im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

Wie die Hackfrucht in der Region Einzug hielt – Entwicklungsgeschich­te des Anbaus

Kaum eine Kulturpflanze hat unseren Speiseplan und damit unser Leben in den letzten 200 Jahren so verändert wie die Kartoffel. Und das in allen Variationen bis hin zu den Spirituosen. Bei Letzteren sind es die Kartoffelbrennereien, die etwa ab 1890 durch die Vergabe von stattli­chen Brennrechten zum Bau vieler Guts- und Genossenschaftsbrennerei­en führten. Ziel war nicht nur die öffentliche Kontrolle der Branntweiner­zeugung, sondern auch zusätzliches Viehfutter, sozusagen als Nebenpro­dukt, die „Schlempe”, zu erzeugen.

Gerade auf leichteren Böden, wie bei uns meist im nördlichen Landkreis, war dies ein großer Vorteil. Der Bau von Brennereien führte nicht nur zu höheren Gesamterträgen im Ackerbau, sondern kam auch dem Umbau der etwa bis 1800 vorherrschenden Dreifelderwirtschaft Sommerung-Win­terung-Brache in die verbesserte Form Sommerung-Winterung-Blattfrucht sehr entgegen. Die Blattfrucht konnte jetzt also durch den Kartoffelanbau erfolgen.
Die Kartoffel war auch eine Basis für mehr Schweine – und über die Schlempe auch für mehr Rindermast. Beides erhöhte den Viehbestand, was durch den vermehrten Düngeranfall eine Verbesserung der Boden­fruchtbarkeit bedeutete.
Dabei ist die Kartoffel keine „hiesige” Pflanze, ist also „Neophyt”, etwa wie heute bei uns das „indische Springkraut”. Unsere Kartoffel, die ihren Ur­sprung in den Höhen Südamerikas hat, hat uns nicht „illegal” erreicht, son­dern ist eines der positivsten Ergebnisse der Entdeckung Amerikas. An­fangs nur als „Blume” gesehen, kam die Nahrungseigenschaft dieser Knol­len nur langsam zum Tragen. Erst der Preußenkönig Friedrich der Große (1712-1786) machte diese als Grundnahrungsmittel durch seine „Tartoffelbefehle” in unseren Landen „hoffähig”. Dass sich die Kartoffel im wahrsten Sinne des Wortes gut einbürgerte, wird allein durch ihre verschiedenen Bezeichnungen deutlich. Man nennt sie auch: Erdapfel, Erdbirne, Grund­birne, Krumbeere oder Potaten.

Nicht nur die Weiterzüchtung der Kartoffel durch Auslese, sondern auch die Methode des Anbaues hat ihre Entwicklungsgeschichte. Anfangs wur­den sie nur in Löcher „versteckt” und bis zur Ernte gewartet, so wie es heu­te bei „Gärtlern” noch üblich sein mag. Die Entwicklung zum Bifang, also der Fläche zwischen zwei Furchen, ist einleuchtend: Die leichtere Unkraut­bekämpfung, der verbesserte Wasserhaushalt und die leichtere Ernte, weil die Knollen höher liegen und das in einer Reihe. Auch die Pflanzung kann jetzt systematischer erfolgen. Erstmals kann hierzu ein Gerät eingesetzt werden, der so genannte „Markierer”. Durch Schaufelräder werden die Ab­stände der Reihen und in der Reihe gleich gebildet. Die Schaufelräder wur­den gegen rotierende Scheiben gewechselt, mit denen man das Pflanzgut mit Erde „überhäufeln” konnte. Diese Technik war eines der ersten „Viel­fachgeräte” das man in der Landwirtschaft verwendete.

Auch Pflege und Ernte profitierten vom Reihenanbau. Das „Legen” der Pflanzkartoffel erfolgte noch lange von Hand, bis es dann ab den Fünfzi­gerjahren durch Legemaschinen, halb- oder vollautomatisch, ersetzt wird.
Ein großes Problem beim Anbau sind die Schädlinge. Die pflanzlichen be­kämpfte man durch regelmäßiges „abstriegeln” und wieder „aufhäufeln” der Bifänge. Zwischen den Reihen konnte nur von Hand „gehackt” werden. Deshalb zählt man die Kartoffel auch zu den Hackfrüchten. Der tierischen Schädlingen, wie der Kartoffel- oder Coloradokäfer sowie ihrer Larven konnte man nur per Hand Herr werden. Eben durch Einsammeln, vor­nehmlich durch Kinder. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg kamen hierfür noch ganze Schulklassen zum Einsatz.

Pilzschädlinge waren bei uns früher weniger bekannt. Dagegen hat in Westeuropa ab 1840 die „Kartoffelfäule” zu Hungernöten und damit zu verstärkter Auswanderung nach Amerika geführt. Aber nach 1950 kam auch bei uns immer mehr die „Krautfäule”, auch Phytophthora genannt, auf die Äcker. Hier gab es nur die chemische Keule, also Spritzen. Eine Vor­kehrung gegen tierische und Pilzschädlinge war die Fruchtfolge. Nicht un­ter drei Jahren sollten auf das gleiche Feld Kartoffel gepflanzt werden. Dies kam auch der Fruchtfolge zugute, weil die Kartoffel eine gute Vorfrucht ist.
Der Erntezeitpunkt konnte durch verschiedene Sorten unterschiedlich ge­staltet werden. Die Ernte erfolgte bis in die 1950er Jahre ausschließlich von Hand. Der Schleuderroder hatte den Rippenpflug und der die Grabgabel abgelöst. Während man bei geringerer Anbaufläche Bifang für Bifang ro­dete und in Abschnitten je zwei Personen mittels Körbe einsammelten, wurde bei den „Größeren” auf „Vorrat” gerodet. Bei dieser Methode arbei­tete das Erntepersonal in einer Reihe, oft auf den Knien. Die vollen Körbe wurden dann auf den mitfahrenden Wagen geladen. Die nächste Roderge­neration war dann der Vorratsroder. Ein besonderes „Siebrad” sorgte da­für, dass das Erntegut weniger durch Erde überdeckt war. Die weitere Ent­wicklung war der Siebkettenroder der dann nicht mehr „ausschleuderte”, sondern die Kartoffel auf Reihen ablegte.

Die Personalfrage bei der Ernte war in den 1950er Jahren, zumindest bei den kleineren Betrieben noch kein Problem. Meist waren es die Frauen ei­nes Ortes, die oft auf Halbtagsbasis dabei halfen. Bei dieser Arbeit war es keineswegs langweilig. In einer Reihe arbeitend, gab es immer was zu er­zählen. Erst recht bei der Brotzeit auf dem Feld. Wenn dann die Gruppe, die ja in etwa immer identisch war, bei uns zum Oktoberfest eingeladen war, war dies ein Höhepunkt des jährlichen „Kartoffelglaubens” und stärk­te die Gemeinschaft.
Bei größeren Betrieben kamen „Akkordpartien”, bei uns meist aus der Oberpfalz, zum Einsatz. Sie übernachteten bei den Bauern und wurden dort auch verpflegt -morgens und abends auf den Höfen und zu den „Brotzeiten” und mittags auf dem Feld. Wenn es der Tag und das Wetter zuließen, arbeiteten sie von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Bei uns zu siebt, drei Paare in der Reihe, und einer, meist der „Kapo”, der die vollen Körbe auf den Wagen leerte. Eine solche „Partie” brachte es auf eine Tagesleistung bis zu einem Hektar, da konnten gut 300 Doppelzentner sein. Das „Stammpersonal” auf den Höfen war dann für das Roden und mit der Abfuhr der Kartoffeln beschäftigt. Der Lohn für die Akkordgruppe war nach „Tagwerk” vereinbart.
In der Regel kamen immer die gleichen Gruppen auf die Höfe. Alle sehr fleißige Leute, die durchaus nach dieser harten Tagesarbeit nach dem Abendessen noch gerne gemütlich beisammen saßen und auch noch an ein paar Lieder aus ihrer Heimat sangen. Ab den 1960er Jahren setzten sich Kartoffelvollernter durch. Das Erntegut wurde per Kettenband auf die Maschine gebracht. Dort wurde von Hand alles aussortiert, was nicht in den Erntetank sollte. Auch das erübrigte sich zusehends durch Automaten. Eine der ersten Erfindungen dieser Art war Anfang der Sechzigerjahre das sogenannte „Peisband”. Der Erfinder war Anton Peis aus Poing.

Die Betriebe, die ein Brennereirecht hatten, konnten die Ernte oft vom Acker an die Brennerei fahren. Bei den anderen waren die Lager, meist die Tennendurchfahrten, voll.
Nun ging es in der Regel über Wochen ans Sortieren. Die „Kleineren” wa­ren für Futter bestimmt, die „Mittleren” als Pflanzkartoffel für das nächste Jahr, beziehungsweise auch für Futter und die „Größeren” für den Markt. Hier die „mehligen” Sorten für die Industrie, bei uns gegebenenfalls für „Pfanni”. Die „speckigen” wurden als Speisekartoffel angeboten und wur­den meist in 50-Kilo-Säcke abgefüllt. Die größere Menge ging an Händler ab Hof. Ein Teil aber wurde direkt an den Verbraucher geliefert – bei uns zum Großteil nach München. Ein „Kramer” aus München hatte die Vorbe­stellungen aufgenommen und wir lieferten sie frei Kartoffelkiste in den Keller. Bei den oft niedrigen Kellern eine „Sauarbeit”, die allerdings durch Trinkgeld auch lukrativ sein konnte. Je nach Menge, und das konnten pro Haushalt sechs Zentner und mehr sein, konnte man dann den Familien­stand oder auch die Herkunft erahnen: Die größeren Mengen gingen meist an Leute, die der Sprache nach nicht „einheimisch” waren. Nord­deutsche zum Beispiel hatten eben eine andere Esskultur.

Mangels einer frostsicheren Lagermöglichkeit auf den Höfen, war auch das „Einmieten” der Kartoffel auf den Feldern gebräuchlich. Im Frühjahr wur­den dann die so über den Winter gelagerten Kartoffel weiter verarbeitet.
Aber auch im „Vertrieb” hat sich viel geändert. Durch die gestiegene Moto­risierung holt sich jetzt der Verbraucher seinen Bedarf oft ab Hof. Aber auch der Lieferservice der Bauern das ganze Jahr über an Verbraucher und Märkte hat heute Tradition. Die verzehrte Kartoffel menge pro Kopf hat sich gegenüber früher wesentlich verringert. Rund die Hälfte davon kommt dabei heute als Fertigprodukt auf den Tisch. Sieht man die steigen­de Weltbevölkerung, dürfte die Kartoffel eine gesicherte Zukunft haben, denn ihr Stärkeertrag pro Hektar liegt deutlich über dem von Getreide.

zurück