
von ©Hans Obermair
erschienen am 25. Mai 2023, im Lokalteil der Ebersberger Zeitung
Glonner Heimatforscher Hans Obermair blättert in Exemplar der „Neueste Nachrichten” aus dem Jahr 1871

So sah eine Werbeseite in „Neueste Nachrichten” vom 6. Dezember 1871 aus. Hans Obermair hat darin gestöbert. Foto: Archiv Obermair
Ein altes Sprichwort sagt: „Nichts ist so alt als die Zeitung von gestern.” Sicher noch eine Aussage aus der Zeit, in der es noch keine Medienvielfalt gab, so wie sie heute angeboten wird. Heute können auch die Nachrichten der aktuellen Ausgabe schon bei Erscheinen überholt sein. Für den Heimatkundler dagegen bieten Zeitungen aus früherer Zeit immer „Neues”.
Zeitungen heißen nicht nur so, weil man Zeit zum Lesen braucht oder haben soll, sondern weil diese zeitbegleitend „Protokolle” der Vergangenheit sind. Wenn auch zeitgemäß, vom Autor oder vom Herausgeber beeinflusst. Gut dass es Archive und Sammler gibt, die dieses alte Kulturgut aufbewahrt haben. Oft genug fehlen auch hier Ausgaben, weil Zeitungen aus Papier bestanden und zum Einwickeln, zum Anzünden aber auch im „stillen Örtchen” ihre letzte Aufgabe zu erfüllen hatten, hier auch oft aus Neugierde oder zum Zeitvertreib noch ein letztes Mal gelesen.
Zeitung gibt es bei uns seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts. Erstmals sicher in Handschrift und nur in wenigen Exemplaren und nur mit einer Seite. Die Nachfrage steigerte sich, sodass sich bald ein Druck rentierte. Es gibt wohl wenige Erfindungen mit so rasanter Entwicklung, sodass das Bremer Institut für Presseentwicklung allein für das 17. Jahrhundert, obwohl der „Dreißigjährige Krieg” sicher einen großen Einschnitt brachte, 60 000 Mikrofilme im Bestand verzeichnen kann. Der Vertrieb wird von Anfang im Abo als auch im freien Verkauf gewesen sein. Nach der vorliegenden in München erscheinenden „Neueste Nachrichten” muss die Ausgabe vom 31.12.1871 die Nummer 365 haben, also erfolgten Ausgaben täglich.
Das vorliegende Exemplar aus dem Fundus meines Vaters, ist vom 6.12.1871 und wird wohl von meiner Ururgroßmutter, der Wirtin von Frauenreuth, im Abo bezogen worden sein. Die Gesamtausgabe hat 41 Seiten auf einem Format etwas größer als DIN A 5. Das Blatt hatte also auch „Reiseformat”. Es kann schon sein, dass man „mit Zeitung” damals eine interessantere Person war. Wahrscheinlich war das Blatt auch umsatzsteigernd im Wirtshaus aufgelegen. Es ist davon auszugehen, dass es im Ort sonst kein Abo gab. Wahrscheinlich haben die „Wirtin” auch die Ziehungen und die Zinstermine der Anleihen interessiert, die in der „Neuesten” regelmäßig veröffentlicht wurden. Die Witwe hatte also „Papiere”. Dass Geld da war, mag auch beweisen, dass man zwei Töchter in Glonner Mühlen und zwei, sowie einen Sohn, in respektable Höfe einheiraten lassen konnte.
Zur Zeit: Im Mai 1871 wurde offiziell der Krieg mit Frankreich von Deutschland siegreich beendet. Schon am 18. Januar 1871 hat man in Versailles das Deutsche Kaiserreich ausgerufen, was auch das Ende des bis dahin selbstständigen Königreiches Bayern bedeutete. Trotzdem begann auch für Bayern die „Gründerzeit” und damit einer ungeahnte Entwicklung. Diese hat auch die volle „Bauernbefreiung”, von 1848, der Ausbau des Bahnnetzes, die Modernisierung des Gewerberechtes 1868, sowie der Wechsel vom Gulden auf die in ganz Deutschland gültige Reichsmark begünstigt. Mit „stolz geschwellter Brust” marschierte auch Bayern in die angeblich „gute alte Zeit”.
Aber blättern wir in der Zeitung von 1871: Natürlich stand auch „Deutsche Politik” auf Seite eins der Zeitung. Dann kommen bayerische Themen, zum Beispiel die „Abstellung der Verwendung von Schulkindern zu Ministranten” und dass diese nach dem Dienst ihren Durst mit ein paar Gläsern Bier löschen und dann, wie vorgekommen, „angeheitert” in die Schule kämen. Hier sei vermerkt, dass der Artikel mit „München” titelt. Weiter heißt es, dass die Altkatholiken Grafings und Umgebung eine Versammlung abhalten. Münchner Komiteemitglieder werden über die Altkatholische Bewegung aufklären. Auch der exkommunizierte Pfarrer Hosemann von Tuntenhausen soll daran teilnehmen. Das Landvolk möge die Aufklärung unparteiisch hören und einer Prüfung unterwerfen. Zwischen den Zeilen konnte man auch damals schon einiges herauslesen.
Weit mehr als die Hälfte der Zeitung nehmen die Anzeigen und Inserate ein. Sie sind wahrscheinlich ein wichtiger Finanzierungsteil des Blattes. Aber auch für den Heimatkundler lohnend, weil damit die Alltagssorgen, Bedarf und Angebot der Leute spürbar sind. Es ist Anfang Dezember. Scheinbar wird ein harter Winter erwartet. Deshalb das Inserat” „Vergesset die armen Vögel nicht”. Es werden „Brodsamen” (Brotbrösel) empfohlen, wenn die Erde mit Schnee bedeckt ist. Anschließend wird mit „Nürnberger Lebkuchen” geworben. Todesanzeigen und Danksagungen, wohl nur der bürgerlichen Leser, gehören zum guten Stil. Aber auch an Weihnachtsgeschenke wird erinnert, hier geht es um Seidenstoffe. Sonnen- und Regenschirme sind jetzt billiger, wohl eine Art Winterschlussverkauf, allerdings deutlich vor Weihnachten. Es folgt eine Werbung für den Verkauf von „Cigarren” und für „künstliche Zähne u. ganze Gebisse aus Kautschuk, Gold, Platina per Zahn von 2 -7 Gulden und 38-200 Gulden für ganze Gebisse … werden schmerzlos eingesetzt” – „Fremde erhalten ein ganzes Gebiss in einem Tag”. Wenn es nicht passt, wird keine Zahlung verlangt. Wem kommt das, bis auf den letzten Satz, nicht bekannt vor? Scheinbar sind „ächte” Nähmaschinen der große Renner. Ein „Generalagent” bietet ein englisches Fabrikat an. Auch die Schreibbranche empfiehlt sich in der Zeitung: „An alle Schreibende” – sie sollen sich vor „Fingerkrankheiten und Schreibkrampf’ schützen. Empfohlen werden „Federn” (wohl Schreibfedern), die „größte Elastizität besitzen” damit man ohne Anstrengung schreiben könne. Dass der Lieferant auch „höchste Kreise” bedient, ergibt sich aus der Adresse: „Hoflieferant Sr. Mj. des Kaisers von Deutschland und Königs von Preußen”. Man könnte daraus für alle jetzt „Schreibende” den Schluss ziehen, die Tasten polstern zu lassen. Das Patentamt wartet vielleicht schon auf solch eine Anmeldung.
In der gleichen Ausgabe wird „ächter, französischer, weißer, flüssiger Leim” angeboten, für alle möglichen Anwendungen. Sozusagen die Urform des Allesklebers. Anmerkung: Wenn die versprochene Wirkung nicht eintritt, ist man eben „auf den Leim” gegangen.
Einen breiten Umfang nehmen die Finanznachrichten ein. Wie oben bei der Wirtin von Frauenreuth schon dargestellt, „Fälligkeiten der Ziehungen (Auslosung)- Zinstermine” von öffentlichen und privaten Emitenten, seitenweise.
Eine Neuemission vom Pfälzer Bankverein wird in „Thaler” angepriesen. Scheinbar hat man dort „Thaler” statt „Gulden” wie bei uns. Dass es damals auch schon Gerichtsvollzieher gab, erfahren wir in „Bekanntmachungen”, die auf Versteigerungen hinweisen. Auf der gleichen Seite werden Trompeten und Pferde angeboten. Dann warnt einer, dass er „Borg oder Schulden mit Beziehung zu seinem Namen nicht anerkennt”. Scheinbar hat man den adeligen Unterzeichner schon einmal geprellt. Ein „schwer bedrängter Familienvater” bittet um Hilfe „durch Gewährung eines Darlehens”.
Den normalen Ausgaben wird regelmäßig eine „Beilage” angehängt, die nur aus Bekanntmachungen und Werbung besteht, die teilweise schon im Hauptteil erscheinen. Möglicherweise ist diese Beilage als eigene Ausgabe zu beziehen. In unserer Ausgabe weist die „Schedersehe Stiftung für Brautpaare” darauf hin, dass sie nicht die Eigenschaft einer Armenunterstützung hat. Damit will sie sagen, dass man nur solvente Brautpaare unterstütze. Dass 1869 Bayern das „metrische System” eingeführt hat, darauf weist ein Angebot hin: „Tabellen zur Verwandlung der bayerischen Maße und Gewicht in metrische und umgekehrt”. Der bayerische Gulden gilt aber noch, denn der Preis ist mit „30 kr” angegeben (60 Kreuzer = 1 Gulden). Heute würde man sagen ein „Event”, das hier angeboten wird. Es wird für Januar ein zweitägiges Schlittenrennen in Miesbach angezeigt. Es lädt ein „Das Comite des Rennvereins Miesbach”. Man rechnet vermutlich auch mit Münchner Teilnehmern, ab 1861 gibt es nämlich die Bahn auch in Miesbach In einer Werbung von damals darf das Angebot an „flammenfeste Petroli- um-Glas-Cylinder” nicht fehlen. Ältere, die diese Beleuchtungsart noch erlebt haben, werden dabei an den Petroleumgeruch in der guten Stube erinnert. Wer eine solche „Funsel” hatte, war auch in der Lage bei Dunkelheit im einbändigen „Mayers Handlexikon” zu lesen, wie angeboten, um „augenblicklichen Bescheid” zu bekommen.
Einen breiten Raum nahmen in dieser Beilage auch die kleineren Anzeigen ein. Hier ging es um Kulinarisches und Gesundes, um Stellengesuche und Angebote, um Stoffe und Kleidung, um Immobilien privat und gewerblich, um Dienstleistungen und natürlich auch um „Heirath-Gesuche” wie: Eine Zimmermeisterstochter, welche das elterliche Anwesen übernehmen soll, bittet um „ernstgemeinte” Anträge. Das Angebot scheint lukrativ zu sein. Leider gibt es in der Anzeige keine Altersangabe. Dann ein Gemeindebeamter „im bayerischen Hochlande” wünscht zur Führung des Hauswesens jüngere Person, welche nicht nur Kochen, Nähen etc. kann, sondern in allen sonstigen weiblichen Arbeiten die erforderlichen Kenntnisse besitzt. Für die Bewerbung ist die „Beilegung von Photographien” zwingend. Anmerkung: Für Koch- und Nähpersonal dürfte eigentlich kein, damals teures und aufwendiges, Foto nötig gewesen sein. Auch eine 34-jährige Gastwirtswitwe mit „beiläufig 4000 Gulden Vermögen” wünscht sich wieder zu verehelichen. Am liebsten mit einem „Gastwirth oder Metzger”. Diese Anzeige wird wohl den meisten Zuspruch gefunden haben. Dann sucht ein Apotheker einen praktischen Arzt für eine niederbayerische 1500-Seelengemein- de. Der nächste Arzt ist zurzeit zwei (Geh)-Stunden entfernt. Diese Anzeige hat an Aktualität nichts eingebüßt.
Aus Zeitungen jeden Alters kann man auch Geschichten machen. So auch die Glonner Dichterin Lena Christ: In einer Zeitung erfuhr sie vom Schicksal der „siamesischen Zwillinge”. In den „Erinnerungen einer Überflüssigen” hat sie aus dieser Nachricht „selbsterlebte” Kostkinder im Hansschus- teranwesen gemacht. Und so gäbe es einige Beispiele dieser Art, die Lena Christ in ihre Werke eingebaut hat. Sie war eben eine Dichterin. Dass die Zeitung ein Schicksal entscheiden kann, beweist Josef Esterl aus Mattenhofen bei Glonn. Vor dem Ersten Weltkrieg war der großgewachsene Sepp im dreijährigen Aktivdienst beim Leibregiment. Nach diesem „Grundwehrdienst” war er, ob seines vornehmen Auftretens, „Bursche” bei Graf Both- mer und anschließend bei Freiherrn von Poschinger. Der Erste Weltkrieg beendete diese Karriere. Das Ende war „Bauernknecht” auf dem elterlichen Hof. Dass auch eine alte, „vom Winde verwehte” Zeitung noch etwas wert sein kann, erwies sich, als er diese Zeitung vom Straßengraben auf hob. In einem der Inserate stand, dass man Personal für die deutsche Botschaft in Brasilien sucht. Er bewarb sich, wurde genommen, brachte es vom einfachen Diener bis zum Haushofmeister (Hauschef einer Botschaft) und war dann bis zum Renteneintritt in den verschiedensten Botschaften der Welt unterwegs.
„Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern” hat es eingangs geheißen. Stimmt eben nicht. Viele Heimatkundler und Archive haben das widerlegt. Aber auch vielen Menschen kann eine alte Zeitung Erinnerung und Chance sein. Also: Eine Zeitung darfauch alt sein und als „Zeitprotokoll” kann sie gar nicht alt genug sein.
