
von ©Hans Obermair
erschienen am 18. April 2023 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung
Von den Anfängen der Glonner Volksbibliothek bis heute
Bibliotheken sind eine uralte Einrichtung. Die Volksbibliothek, in der sich alle Interessierten bedienen können, stammen bei uns aus dem 19. Jahrhundert, waren aber um 1900 noch nicht sehr verbreitet – noch weniger auf dem Land. Umso bemerkenswerter ist, dass Glonns Geistlicher Rat Späth, gebürtiger Münchner und seit 1869 Glonner Pfarrer, schon an eine Volksbibliothek in Glonn dachte. Er war der Initiator der Glonner Mädchenschule, die er auf eigene Kosten errichten ließ. In seiner Stiftungsurkunde, in der er die bis dahin ihm gehörende Schule an die Gemeinde übertrug, verfügt er nämlich: „In dem Schulgebäude soll außerdem die pfarramtliche Bibliothek in einem geeigneten, zugleich als Studierzimmer verwendbaren Raum Aufstellung finden.”
Mit „Studierzimmer” meinte er wohl einen Leseraum, um vielleicht solchen Kindern, denen man keine Bücher mit nach Hause geben wollte, auch das Lesen zu ermöglichen. Auch im Bauplan von etwa 1898 für die Mädchenschule ist im Dachgeschoss bereits ein Raum mit „Bibliothek” bezeichnet. Dass es sich hierbei nur um eine Bibliothek im Sinne eines Archives für das Pfarramtes handeln könnte, ist unwahrscheinlich. Warum sollten sich Pfar rer und Kooperator zu Studien außer Haus bemühen, bei einem so großen Pfarrhof. Dieses „pfarramtlich” wird wohl bedeuten, dass es sich einmal um eine Volksbibliothek unter der Aufsicht des Pfarrers handeln sollte.
Warum also wurde eine Volksbibliothek dann erst 1923 eingerichtet: Einen Termin für diese Verpflichtung finden wir in der Stiftungsurkunde nicht. Die Einrichtung des Hauses, auch die Wohnung der Schwestern, hatte die Gemeinde zu besorgen. So könnte es auch am Geld gelegen haben. Weiter: Ob bei der Gemeindeverwaltung und der Bevölkerung für eine Bibliothek der große Bedarffestzustellen war, sei dahin gestellt. Pfarrer Späth verstarb am 9. Januar 1910. Wer sollte jetzt noch auf die Durchführung dieses Projektes gedrängt haben? Von 1914 bis 1918 war Krieg und nachher gab es viel Wichtigeres für die Gemeinde, als eine Volksbibliothek.
Erst Pfarrer Schrall, der Nachfolger von Späth, vielleicht aber auch die Klosterschulschwestern, ergriffen die Initiative. Der Bericht des „Oberbayer” vom 20.4.1923 beginnt mit „Endlich”. Er sagt damit aus, dass man auf diese Einrichtung gewartet hat. Weiter heißt es, dass eine „überaus stattliche Anzahl” an ausgewählten Büchern in der Mädchenschule zur Verfügung stehe. Dieser „Bestand” wurde nicht gänzlich neu gekauft, sondern könnte gespendet oder von anderen Beständen übertragen worden sein.
Es war eine sehr arme Zeit und noch dazu mit hoher Inflation. Man bat deshalb nicht um Geldspenden, diese würden ja innerhalb Wochen ihren Wert verlieren, sondern um Baumstämme, deren Wert sich bei steigender Inflation nicht minderte. Wie es heißt, war das „Holz” für die Einrichtung beziehungsweise für den Schreiner, der ohne „Ware” eventuell nicht lieferte. Es waren insgesamt fast 5 cbm und der Kubikmeter brachte 300 000 Mark ein. Einer der Käufer zahlte sogar noch „nach” anstatt von ehemals, wertlosen sechs Billionen Mark (zwölf Nullen) anständigerweise sechs Goldmark. Es war Anfang 1924, also nach der Inflation. Eine Spendenquittung wie heute wird es nicht gegeben haben. Deshalb sollte man die Holzspender nicht vergessen. Es waren: Baron Büsing von Zinneberg, Auer und Rauth von Frauenreuth, Obermaier und Spettberger von Hafelsberg, Esterl von Reisenthal, Loidl von Spielberg, Sigl von Reinstorf, Abinger von Kreuz, Winhart von Ursprung und Daxnervon Adling.
Jedenfalls, so heißt es, haben die Klosterschwestern die „mühselige” Kleinarbeit des Ausleihens übernommen. Im Wesentlichen war dies Schwester Bernardine Ausberger, die spätere Oberin des Hauses.
Dass im ersten Jahr die Ausleihgebühr pro Buch noch eine Höhe von zehn Milliarden erreicht zeigt die Inflationszeit. Für 1924 wird berichtet, dass Karl-May-Ausleihungen an erster Stelle stehen. Dies muss für eine Bibliothek deren „Chef’ der Herr Pfarrer und dessen Bibliothekarin eine Nonne ist, verwundern. Es zeigt aber auch, wie sehr man jugendorientiert und weltoffen war. In diesem Jahr ist auch der Bücherbestand um etwa 100 Bände gewachsen. Im Jahr später (1925) war der Zuwachs 129. Jetzt hat man gut 600 Bände und 1657 Ausleihungen fürs Jahr. Öffnungszeit war immer sonntags nach dem Gottesdienst. Die Räume der Bibliothek sind nicht mehr im Dachgeschoss der Mädchenschule, wie im Plan vorgesehen, sondern im Erdgeschoss, wo auch die Schulräume sind. Bis 1927 wissen wir noch relativ viel, weil Cooperator Huber sich als „Chronist” betätigte und uns Aufzeichnungen hinterließ. Schade dass für die Zeit von 1927 bis 1933, außer ein paar Veranstaltungshinweise in den Tageszeitungen keinerlei Quellen, weder aus dem Pfarr-, noch aus dem Gemeindearchiv ausfindig gemacht werden konnten. Aber wir dürfen davon ausgehen, dass die Ordensschwestern für einen geregelten Betrieb sorgten.
Das wird während der Jahre von 1933 bis 1945 nicht immer leicht, mit Sicherheit zunehmend schwieriger, geworden sein. Auch mit dem Hintergrund, dass die Schwestern nicht mehr unterrichten durften. Dass doch noch ein Ausleihebetrieb möglich war, zeigt uns eine Bücherbestellung von 1939 durch Pfarrer Boxhorn.
Ab 1937 gab es dann in Glonn eine Konkurrenz. Dem Schriftverkehr der Gemeinde und Presseberichten nach hat Bürgermeister Lanzenberger im Rathaus ab Ende 1937 eine „Volksbücherei” aufgebaut. In der Zeitung heißt es, der „Anfang bzw. die Gründung dieser Bücherei war natürlich schwer” und von einem „längst gehegten Wunsch”. Was das auch immer bedeutet, jedenfalls hat man damit dem Wunsch „von oben” Rechnung getragen. „Politische Bücher der Bewegung” standen in einer Auflistung ganz oben. Dieses „natürlich schwer” klingt schon fast wie ein Seufzer und meint damit den Widerstand aus dem katholischen Lager. Ob hier auch „Karl May” die Liste der Ausleiher anführte? Jedenfalls existierte diese NS- beaufsichtigte Bücherei bis Kriegsende. Mit welchem Erfolg, ist nicht nachprüfbar.
Die Bücherei in der Mädchenschule – jetzt gehört das Gebäude nicht mehr der Gemeinde, sondern der Diözese – bekam von der Militärregierung 1946 wieder den „amtlichen Stempel”. Schwester Richarda ist jetzt die Bibliothekarin. Bis 1964 blieb man in der Mädchenschule und siedelte dann in die nicht genutzte Registratur im Rathaus um. Schwester Salesia Wolf ist nun die Leiterin. Sie muss zurück ins Mutterhaus und wird von Schwester Fer dinanda abgelöst. 7000 Mark hat man investiert. Eine Hälfte kam vom Mi- chaelsbund und die andere von Klara Lebsche.
1967 siedelte man in das untere Geschoss des 1966 neu erbauten Pfarrheimes mit Kindergarten. Anna Held war im Rathaus mit eingebunden. Sie hatte in der Münchner Stadtbibliothek schon gearbeitet und brachte viel Erfahrung mit. Bis Anfang der 1980-er Jahre arbeitete sie für die Bibliothek. 1983 ist sie im Alter von 84 Jahren verstorben.
1974 (2365 Bände) übernahm die pensionierte Lehrerin Katharina Faßrai- ner für zehn Jahre die Leitung der Bibliothek. Schon 1973 geht die Trägerschaft von der Pfarrei per Vertrag auch auf die Gemeinde über. 1984 übernimmt die Leitung Elenore Zeltner. Der Bestand von 8688 Bänden in 1988 wird mittlerweile auch ergänzt mit fast 500 Kassetten. 882 Nutzer bringen 16 000 Ausleihungen. 15 Frauen stehen Zeltner zur Seite, Bestand und Ausleihungen steigern sich weiter. Zunehmend stellt sich die Platzfrage. Die Lösung: Der 1842 gebaute und als Denkmal geschützte Pfarrstadel, im Eigentum der Pfarrei, und ganz in der Nähe des bisherigen Standplatzes, kann zu einer Bücherei um- und ausgebaut werden. 1,3 Millionen Mark sind erforderlich. Mit gut 700 000 Mark bezuschusst das Erzbischöfliche Ordinariat das Vorhaben, der Rest kommt mit 200 000 Mark von der Gemeinde, 130 000 von der Pfarrei, 93 000 vom Michaelsbund, 81 000 vom Landkreis und 30 000 vom Denkmalschutz. Die Hauptverantwortlichen sind damals Dekan und Pfarrer Schneider und Bürgermeister Sigl. In einer Schrift heißt es „die Architekten und Ordinariatsrat Horn ließen das Werk glänzend gelingen”.
Die Baukommission hat damals Prälat Schneider geleitet. Er war von 1961 bis 1963 Kaplan in Glonn und kennt die Situation bestens. Die neue Bücherei kann am 15. Juli 1989 durch Prälat Schneider eingeweiht werden. Heute steht im Zentrum Glonns ein Musterbau, der Funktionalität und Denkmalschutz in Einklang bringt.
Die Bücherei leitete von 1995 bis 2016 Monika Faßrainer. Ihre Nachfolgerin ist Petra Höreth, die bis heute in bewährterWeise mit einerweiteren Mitarbeiterin die Leitung innehat. Die Arbeit wäre nicht zu bewältigen wenn es nicht, wie auch schon in früheren Zeiten, ehrenamtlich Helferinnen und Helfer gäbe. Zurzeit sind es 20. Die Zahl des Bestandes liegt, schon wie seit einigen Jahren bei rund bei 11 000 Exponaten. Mit dieser Menge ist die Bücherei aber auch räumlich an ihrem Limit angekommen. Die verschiedenen Medien werden zahlenmäßig angeführt von den Kinderbüchern. Dann folgen Romane/Jugendbücher und Sachbücher. Auch neuere, so auch elektronische Medien, Zeitschriften, Hörbücher, Tonies (kleine Figuren, die Geschichten erzählen oder Lieder abspielen) und Spiele sind im Sortiment. Inklusiv der digitalen Ausleihungen mit etwa 15 Prozent, sind es in 2022 gut 37 000. Vor der Pandemie war die Zahl der Ausleihungen bei annähernd 45 000. Trotz dieses Rückganges ist seit 2007 immer noch eine Steigerung von rund 15 Prozentfestzustellen. Das Buch hat also noch Zukunft. Dies wird erst recht damit verdeutlicht, dass rund 40 Prozent der Ausleihungen Kinderbücher betreffen, und das mit steigender Tendenz.
Ein Büchereisiegel des Sankt Michaelsbundes bezeugt, dass diese Bibliothek auf der Höhe der Zeit ist. Die Homepage der Bücherei gibt weitere Auskunft zum Beispiel über die Öffnungszeiten aber auch über elektronische Ausleihmöglichkeiten. Wer mehr über die Geschichte der Bücherei erfahren will, der kann es über die Broschüre des Gemeindearchives tun.
