
von Hans Obermair
erschienen am 16.8.2023 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung
Ein Blick in die eigene Geschichte und es kommt so einiges wieder ans Licht, was schon lang vergessen schien. Zum Beispiel die Landshamer G´schichtn und „ da Hintermoar“.

Landsham, der Name geht auf das Geschlecht der „Landshamer“ zurück, liegt im nordwestlichsten Teil des Landkreises Ebersberg und damit verbinden die Landshamer Fluren die des Landkreises München-Land mit denen der Erdinger. So auch die alte „Distriktstraße“, die diese beiden Nachbarlandkreise zumindest verkehrsmäßig heute noch vernetzt. Die Trasse ist aber nicht die kürzeste, weil das Erdinger Moos umfahren werden musste. Und so siedelten sich entlang dieses Umweges uralte Orte an.
Zum Beispiel die Agilolfinger. Jedenfalls haben diese in Aschheim und in Neuching schon im 8 Jahrhundert mit ihren Synoden Geschichte geschrieben. Auch die Ausgrabungen im nahen Kirchheim und die uralten Plieninger Gräber lassen auf eine frühe Besiedlung schließen.
Diese Randlage zum Erdinger Moos ist auch der Grund dafür, dass alle die-se Dörfer auf zwei verschiedenen Bodenarten bis heute ihre Landkultur betreiben können. Zum einen im G, fij, oder dem „Grias”, mit dem Kiesbo-den, das jahrhundertelang Teil der „Perlacher Heid” mit ihrem herrschaftli-chen Jagdgebiet war, und dann dem Moosboden, dessen Fläche sich durch den Bau des „Mittler-Isar-Projektes” zwar nicht vergrößerte, aber verbes-serte. Dass diese zwei grundverschiedenen Bodenarten auch so manche Ernte und damit überleben sicherten, auch das mag das Siedlungsgebiet interessant gemacht haben.
Dass unter den etwa drei Dutzend ehemaligen und zum Großteil noch heutigen Anwesen zwölf sind, deren alter Hausnamen mit „Moar” enden, zeugt von der uralten landwirtschaftlichen Kultur. Dazu gehört auch eine uralte Kirche, die dem Heiligen Stephanus geweiht ist. Ein prächtiger Bau, nicht nur von außen, sondern auch von innen. Umgeben von einer alten „Sepultur”, dem Friedhof, in dem die alten Landshamer in ihren zum Haus gehörigen „Fleckerl” Erde ihre letzte Heimat gefunden haben. Über Jahr-hunderte, ,,Schicht auf Schicht”. Welches Wortpaar kann den Begriff „Ge-schichte” wohl besser verdeutlichen. Vielleicht hat die „Sepultur” und da-mit alle in ihr ruhenden Landshamerinnen und Landshamer, diese Kirche vor der Säkularisation, also vor der „Demolierung” geschützt. Denn vor den Toten hatten die „Säkulierer” anscheinend große Angst, wie es andere ,,gut ausgegangenen Kirchenschicksale” auch beweisen.
Ein so über die Jahrhunderte zusammengewachsenes Dorf, in dem es praktisch nie ein Ober- und Unterdorf gab, hat die immer schon mitten durch den Ort verlaufende „Distriktstraße” nie geteilt, sondern eher ver-eint. Man hat ja auch nicht die Häuser an die Straße gebaut, sondern der Straßenverlauf wurde um bestehende Anwesen geführt. Und dass es hier auch zwei Wirtshäuser gab und gibt, hat nicht nur mit den Durchreisenden zu tun, sondern mit den Landshamern selbst. Die „Bauernbefreiung” bis 1848 und die Umstellung der alten Dreifelderwirtschaft (Sommerung-Win-terung-Brache) auf die neue (statt Brache Blattfrüchte), hat zumindest bei den Bauern den Wohlstand gehoben. Geht’s den Bauern gut, dann auch den Knechten. Und so wird so mancher „Taler” von beiden im Wirtshaus gelandet sein.
Ein Grund für eine Zusammengehörigkeit mag auch Geselligkeit sein. Der Autor, der als „Wirthansi” von Ottersberg 1951 in die Gemeinde kam, hat eben, als in der Gaststube aufwachsender Wirtsbub, etwas mehr „mitge-kriegt”. Hauptsächlich vom „Hintamoar” Uosef Gruber), der auch in Otters-berg gern gesehener Gast war. Nicht zuletzt deswegen, weil er mich mit seinen „todernst” erzählten „G, schichtln” einmal „ganz schee dawischt hot”. Aber davon später. Zunächst was von Landsharn: Der „Hintamoar”, weil seine Mooswiesn halt so weit weg waren, hängte nicht nur zwei Fuh-ren Heu an seinen Traktor, wie es erlaubt gewesen wäre, sondern drei oder vier. Einern patrouillierenden, unbekannten Gendarm kam dies gera-de recht und er waltete seines Amtes. ,,Wo gibt’s denn so was? Sie wissen doch, mehr als zwei Fuder dürfen Sie nicht” – und so weiter” Schon befahl er das Auseinanderhängen und verhängte eine Strafe. Der „Hintamoar” bezahlte ohne Aufstand, allerdings mit dem Bemerken und todernst: ,,Des zoin sowieso unsare Schandarm”. Das konnte der mit den Landshamer „Gschichtln” nicht vertraute amtierende Gendarm nicht verstehen und fragte, wie das denn gehen solle. ,,Ja”, antwortete der Sepp, ,,unsre Schand-arm kaffan bei uns owei d, Oar un do volange ma hoit a bissä mehra, dann hob i, s wieda”. Wie verdutzt der Fremde war, ob Pflicht oder Mitleid die Oberhand hatten, lässt sich nicht mehr feststellen. Jedenfalls der „Hinta-moar” wird sich nicht an den Gendarmen von der Landshamer Station schadlos gehalten haben. Dass er ihnen den Vorgang erzählt hat, kann gut möglich sein. Man kannte sich ja gut und hat sich sicher über diese Gaudi gefreut.
Eine andere Geschichte vom „Hintamoar”: Die Verwendung von nur „neu-em” und zertifiziertem Saatgut war noch nicht vorgeschrieben. Man kaufte nur einen kleineren Teil zu, vermehrte diesen, und baute ihn wieder an. So auch bei den Kartoffeln. Allerdings mit der Einschränkung, dass man gerne mit Kartoffeln tauschte oder welche erwarb, die auf anderem Boden ge-wachsen waren. Also bemühten sich die Moosbauern um Ware vom „Gri-as” und die vom „Grias” um solche vom „Moos”, weil die besser „angehen”, so sagte man. Und so fragte ein Moosbauer den „Hintamoar” ob er nicht „Samkatoffe” habe. Dieser erwiderte todernst „kimmst agrat z`spat, aba da Mijsteibe kunnt no wos hom”. Er beschrieb ihm den Weg. Dort angekommen: ,,Bin i do richtig beim Mijsteibe”. Ja, sagte dieser, der allerdings nicht der Bauer war, sondern der Ortsgendarm, der nur auf diesem Bauernhof wohnte. Dass dieser tagsüber zuhause war, hatte mit seinem Dienstplan zu tun. ,,I hob g’ heat, du host no Samkatoffe – i brauchat oa”. Der Gefragte antwortete, er habe so etwas nicht, er sei ja der Ortsgendarm. Der Nachfrager ließ sich nicht abwimmeln, ,,er dat`s ja guat zoin”. Wieder antwortete Mehlstäubl, er sei Polizist und habe mit Saatkartoffeln überhaupt nichts zu tun. Nun wurde es dem Kaufinteressenten zu bunt Er habe mitbekommen, dass einem in Landsharn gerne „der Bär aufgebunden wird” und fragte nochmals nach „Samkatoffe”. Aber er konnte keine bekommen und zog von dannen. Auf die Frage, wer ihn denn hier her geschickt habe, beschrieb er den Hof, in dem ihm die Adresse gegeben wur-de. Da musste Mehlstäubl natürlich lachen: Ja, ja, da „Hintamoar”.
Meine Geschichte ist genauso harmlos. Der „Hintamoar” war bei uns zu Gast. Ich als etwa Dreizehnjähriger kam in die Gaststube. Da „Hintamoar” todernst zu mir: ,,Ja, dea is dahoam – i kim grod vo Poing, und vor der Ortschaft hot’s a Auto voi mit Schokolad umg’schmissn. Olle Poinger Buam san scho dort und hoin sie an Schokalad”. Zunächst hatte ich Zweifel, weil ich schon wusste, der „Hintamoar” erzählt immer so G, schichtn. Aber es könnte ja auch wahr sein, schließlich ging es um Schokolade. Ich ging zu meinem Radl und verließ wortlos und ungesehen den Wirtshof in Richtung Poing. Nach einem Kilometer sah ich immer noch keine Poinger Buben und erst recht keine Schokolade. Die werden doch nicht schon „abgeräumt” haben und schon abgezogen sein. Wäre ja möglich. Logischerweise müsste aber das umgefallene Schokoladen-Auto noch zu sehen sein.
Nichts! Ja, da „Hintamoar”! Ich fuhr wieder zurück und ging in die Gaststube – natürlich ohne zu sagen, dass ich unterwegs in Poing war. Denn dem ,,Hintamoar” gönnte ich nicht, dass ich auf ihn reingefallen war.
Ältere Leute in Landsharn werden noch einige solcher Geschichten kennen – nicht nur vom „Hintamoar” allein. Zum Beispiel, dass eine Stammtischrunde beim Königer einem ahnungslosen Reporter einmal „erzählte”, eine 51-jährige Frau hätte Drillinge geboren. Das hätte für den Zeitungsmann „die” Zeitungsnachricht bedeutet. Irgendwer hat ihm dann aber doch noch ,,gestochen”, dass dies nur ein „Landshamer Geschicht!” sei. Die Zeitungsente wäre perfekt gewesen. Der „Hintamoar” war also nur die „Spitze dieses Eisberges”. Er hätte wohl noch vieles „zu erzählen” gehabt, der Sepp, wäre er nicht so früh verstorben. 1963 starb der erst 59-Jährige zusammen mit seinem Nachbarn Franz Scheigl bei einem Verkehrsunfall zwischen Pli-ening und Landsharn. Beide kamen von einer Beerdigung in Gelting. Mit Josef Gruber ging vor 60 Jahren nicht nur ein sehr humorvoller, sondern auch ein äußerst hilfsbereiter Mensch von uns.
