
von ©Hans Obermair
erschienen am 30. 12. 2023, im Lokalteil der Ebersberger Zeitung
Nicht nur zum Jahreswechsel müssen Tiere für allerlei Sinn und Unsinn herhalten

1720 dankt der „Steinmüller” vom Glonner Mühltal mit einer Votivtafel der Muttergottes von Frauenreuth für 22 durchgebrachte „Frischlinge”.
Zum Jahreswechsel werden sie wieder millionenfach auf Karten und allen möglichen Süßigkeiten als Glückssymbole in Aktion treten, eben die Glücksschweine. Deren Unterart die Sparschweine, die glücklich machen sollen, wenn man sie entleert, stehen zudem auf allen möglichen Theken rund um die Uhr und warten auf „Fütterung”. Dabei können die Motive sehr unterschiedlich sein: Anerkennung, Dankbarkeit oder auch nur Entsorgung des lästigen Kleingeldes.
Dagegen ist die sprichwörtlich „Arme Sau”, die sich nicht als Schwein zeigt, schlechthin das Synonym für alle Personen, die es nicht, oder noch nicht, geschafft haben. In diesem Fall bezieht sich der Begriff „Sau” und all seine Ausformungen, auf das weibliche Schwein, das Ferkel hat oder erst bekommt. Ungerechterweise! Wenn dann in wenigen Fällen auch der männliche Teil dieser Spezies mit ins Gespräch kommt, dann als „Saubär” und nicht, wie es richtig wäre, als Eber oder Keiler. So gesehen ist die Sau selbst eine wirklich „arme Sau”, weil diese in der Regel nur im negativen Zusammenhang in die Sprache kommt. Im Übrigen ist der Eber nur zur Zucht von Nöten, zum menschlichen Verzehr weniger, außer dieser verbringt „kastriert” sein Dasein, sozusagen als „Schweinsochse”.
Schaut man in die Steuerakten von 1671, wird das Mutterschwein respektvoll „Schweinsmutter” genannt. Dass bei einem guten „Wurf’ mundartlich vom „Sauglück” die Rede ist, ist in Ordnung. Eine der seltenen „Glücksfälle” in dem die „Sau” im positiv gesetzt ist. „Sauglück” hatte auch der „Steinmüller” vom Glonner Mühltal, denn 1720 dankt er mit einer Votivtafel der Muttergottes von Frauenreuth für 22 durchgebrachte „Frischlinge” (Jung-schweine). Diese werden aus zwei oder drei Würfen stammen. Lena Christ hat diesen Vorgang mit ihrem „Mathias Bichler” in die Literaturgeschichte eingebracht.
Umgangssprachlich, und das bis heute, wird die Muttersau auch die „Lous” oder die „Loas” genannt. Laut Professor Rowley ist dies ein germanisches Wort, das von „lösen” kommt, also eine Muttersau nach der Geburt, die sich eben von ihren Ferkeln „gelöst” hat. Oft werden für die ausgesprochene „Lous” oder „Loas” noch schlimmere Zustände gebrandmarkt als mit „Sau”. Aber immer betrifft es einseitig das weibliche Geschlecht. Für das männliche Geschlecht gilt allenfalls der „Saubär”, wie neulich eine Busfahrerin einen Buben genannt hat, der sich wohl nach dem Urteil der Fahrerin als solcher benommen hat. Allerdings unter Strafe, nicht dem Buben gegenüber, sondern für die Busfahrerin. Ob da einer „Sau graust” muss jedes für sich selbst entscheiden. Ich gestehe: Ein „Saubub”, war ich auch schon, aber wenn es dafür eine Strafe gab, musste ich den Kopf oder den Hintern hinhalten. Schulbusse gab es bei uns noch nicht. Unser „Verkehrsmittel” war von April bis Oktober das „barfußlaufen”.
Ein Schweinestall, „Saustall” genannt, musste auch regelmäßig ausgemistetwerden. Man sagt hierzu „saustoiramma”. Zugegeben, nicht die begehrteste Arbeit. Und so könnte auch der „Saustoi” zum Synonym für Unordnung geworden sein. Wenn wer oder etwas als „saudumm” bezeichnet wird, kann dies zweideutig sein: Entweder ist es „dumm” gelaufen oder man war blöd oder zu blöd. „Sauschlecht” und „saumäßig” ist ähnlich zu bewerten.
Da hat der „Sauladen” schon mehr Substanz. Jedenfalls steht das „Sau”, so wie im Schlechten als auch im Guten, oft für eine Steigerung. Man könnte es oft auch mit „sehr” ersetzten. Woher kommt das? Es könnte so gewesen sein: Fleisch und damit auch „Schweinernes” gab es früher selten. Zu Weihnachten war es sicher die „Mettensau”, oder auch „Weihnachter” genannt, die auch auf dem Tisch des Gesindes landete. Manchmal in Mengen, die nicht jedes vertragen konnte. Es war also eine „Sau” die diesen Segen ermöglichte. Warum sollte man dann das Mahl nicht auch als „sau- guat” bezeichnen. Und so könnte sich ein Begriff eingebürgert haben, in dem auch ein „sau” in „sauschlecht” oder „saumiad” und vieles andere das „sehr” ersetzte. Das „Schwein gehabt” ist sicher ein Import aus dem Norden, wo die Schützenfeste Tradition haben. Der Sieger durfte sich auf ein Schwein freuen. Ein Letzter bekam nur ein “Ferkel” und hatte sozusagen ein Jahr Zeit zum “Üben”, bis der Trostpreis zum “Schwein” wurde. Bei uns gab es die Tradition der Schafkopfrennen. Der Sieger bekam zwar keine Sau aber den Kopf einer solchen – die „Krawatte”, also der Halsanteil, nicht zu knapp bemessen. Und als bei einem „Schafkopfrennen” in Kleinhelfendorf, der Sieger war der in Neumünster wohnende Maler und aus Schlesien stammende Paul Chruschowitz, mit seinem „Ersten Preis” im Rucksack zu Fuß, und erst spät sein Quartier erreichte, stellte er seine „Trophäe” der Frau auf den Nachttisch. Als er sie weckte, quittierte sie dies mit einem Schrei. So etwas hatte sie noch nie im Schlafzimmer gesehen. Allerdings auch nicht in der Küche. Bei so viel Fleisch und damals noch ohne Kühlschrank, musste man schon hinlangen. Ob das dann auch noch „sauguat” war?
Auch in der elterlichen Gaststube gab es „Sauen”, denn an den meisten Tischen wurde „gekartelt”. Die „Ass” im Kartenspiel nannte man eben „Sau”. Sie waren sehr angesehen, denn außer, dass sie in vielen Fällen auch „stechen” konnte, war sie eine begehrte „Schmier”, mit der höchsten „Augenzahl”, nämlich mit „Elf” angesetzt. Dass die „Schellnsau” im Spiel auf dem Kartenbild von einem Hund überfallen wurde, konnte nicht gedeutet werden, spielte dabei aber auch keine Rolle.
Dass das Schwein, insbesondere die „Sau”, bei all ihren Vorzügen eher für „Negatives” stand, ist kaum erklärlich. Neuerdings liefert sie der Humanmedizin auch noch Herzklappen. Überdies brachte sie als „Schweinsmutter” pro Wurf, und im Jahr deren zwei, einem Bauern die meisten Nachkommen.
Bei all den Tieren auf einem Bauernhof, waren Schweine die größten Nahrungskonkurrenten des Menschen. Das hatte allerdings auch einen Vorteil: Blieb etwas über, der „Saukübel” stand schon bereit. Also kann es für den schlechten Ruf dieser Tiere nur mehr die „Drecksau” gewesen sein. Trotz „Suhle” waren Schweine aber eher reinliche Tiere, wenn man ihnen Platz ließ: Sie koteten nicht in ihren Schlafplatz. Als wir ihnen dann eine „dänische” Aufstallung, mit Mistgang eine Stufe tiefer, und Stroh nur auf dem Schlafplatz, bereiteten, muss das Glück unserer Schweine vollkommen gewesen sein. Und wenn man in den Stall kam und ein zufriedenes Grunzen vernehmen konnte, freute man sich. Also ein Schwein wird nur zur „Sau” wenn man sie nicht anders lässt. Wenn man dann die Muttersauen bei der Geburt, dem sogenannten „Faggäpassn” zu überwachen und gegebenenfalls zu helfen hatte, ist man dann auch noch begeistert, wie sie ihrem uralten Begriff „Schweinsmutter” gerecht wurden.
Keinem Haustier wird, zumindest verbal, so viel Unrecht angetan, wie dem „armen Schwein”. Allenfalls gibt es im Sprachgebrauch eine „dumme Kuh” eine „blede Henna”, ein „dummes Schaf’ oder einen „dummen Hund”. Mit einem „des is a Hund” wird Menschen sogar ein Lob ausgestellt.
Also: Die „arme Sau” ist kein „dummer Hund”, aber ein Hund kann zur „Drecksau” werden, wenn man ihn lässt. Grundstückseigentümer an einem Spazierweg, können ein Lied davon singen, obwohl ihnen nicht „zum Singen ist”.
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