Glonns erste Christen und die Kirchen


von Hans Obermair
erschienen am 13.3.2024 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

Wie wir schon festgestellt haben, ist der Anlass für die Urkunde von 774 eine Schenkung an die Marienkirche in Freising. Damit können wir sicher davon ausgehen, dass der Schenker Ratbot und zumindest auch sein Vater Criminus, dessen Name sich von Kirchensprache Latein ableitet, schon Christen waren. Das wird also schon vor 750 gewesen sein. Wenn wir davon ausgehen können, dass zum Beispiel die in Glonn am „Kirchberg” gefundenen „Tuffplattengräber” schon „geastet” waren, könnte man auch erste Christen in Glonn deutlich früher ansetzen. ,,Geastet” heißt, dass der Tote mit Blick nach Osten beerdigt wurde. Im alten Teil unseres Kirchfriedhofes ist das heu-te noch so. Die aufgehende Sonne im Osten (Orientierung) ist Symbol der Auferste-hung. Tuffplattengräber, wenn auch nicht „geastet” kennen wir schon ab etwa 600.
Wann und wie erste Christen nach Glonn kamen, ist also offen. Dass es noch Römer waren, unter denen es in unserer Provinz Rätien und in der Nachbarprovinz Noricum schon einige Christen gab, ist unwahrscheinlich. Für eine Tätigkeit in Glonn der Missio-nare Marinus und Anianus aus Wilparting (lrschenberg), ab Ende des siebten Jahrhun-dert, gibt es keine Beweise. Die Meinung, dass Münster ein Kloster gewesen sein könnte, von dem aus die Gegend missioniert wurde, ist nur eine Annahme. Heute geht man davon aus, dass der Name „Münster” nicht ein Kloster bedeutete, sondern nur klösterlicher Besitz. Der Heilige Emmeran, dessen Tod 652 ins nahe Helfendorf verortet wird, wurde nach Regensburg überführt. Dabei hätten sich dem Zug an die 200 Männer, wohl Christen, angeschlossen. Das wäre ein gewichtiger Hinweis für eine größere christliche Bevölkerung um 650 in dieser Gegend.

Aber es sind eben nur Indizien und keine Beweise. Am ehesten werden die ersten Christen in unserem Gebiet wohl Zuwanderer gewesen sein. Immerhin gab es 724 mit Korbinian schon den ersten Bischof in Freising, aber auch die Diözesaneinteilung von 739 durch Bonifatius lässt auf eine breitere Christianisierung schließen.

Mutmaßlich war der erste Glonner Priester am Platz Georgenberg Ratpot. Er und sei-ne Familie werden hier nicht die einzigen Christen gewesen sein. Auch die Schenkung einer Eigenkirche von 776/778 im nahen Berganger anlässlich deren Weihe durch Bi-schof Arbeo (+784) lässt eine christliche Gemeinde vermuten. Vielleicht war es sogar mit der Georgenberger zunächst eine. Warum dann am Platz Georgenberg ein eige-nes „Oratorium” (Bethaus)? Wie wir der Urkunde von 774 entnehmen, hat Ratpot ,,nur” Grundbesitz und keine Kirche, wie die Bergangerer Adalfried und Rihher, ge-schenkt. Wir können von zwei verschiedenen Familien ausgehen. Warum sollten Cri-minus und Sohn Ratbot, nicht auch eine Eigenkirche bauen? Oder sogar, weil Ratpot Priester war. Gab es vielleicht Rivalitäten? Wahrscheinlich war es Ratbots Bethaus, das der Freisinger Bischof Hitto am 20. Januar 813 in Georgenberg einweihte, das mit der bischöflichen Weihe erst zur „Kirche” wurde. Es könnte auch sein, dass das Bethaus des Ratpot schon einige Jahrzehnte stand und jetzt erst, eben 813, geweiht wurde. Bei der erneuerten Schenkung von 826 war höchstwahrscheinlich die von 774 die Grund-lage. Laut dieser ging das Schenkungsobjekt erst mit dem Tod von Ratpot an Freising über. Also hat er das Bethaus beziehungsweise die Kirche, ja noch auf „seinem” Grund erbaut. In der 774-er Urkunde stand nichts von einer Kirche. Und so musste die „Ei-genkirche”, vermutlich eigens geschenkt werden. Dass die beiden Höfe von Georgen-berg 1554 noch „Freisingerisch” waren, zeigt uns das Feuerstättenbuch. Wie lange hier der Pfarrmittelpunkt war und ob es außer Pfarrer Hadhmunt, vermutlich Sohn des Ratpot, hier noch einen weiteren Geistlichen gab, ist nicht bekannt.
Bis 1125 sind zwar in Georgenberg freie Familien mit Namen Dietbold genannt, aber nicht als Geistliche. Seit rund 200 Jahren ist die St. Georgkirche wieder „Eigenkirche”, heute der Familie Weil.
Chronist Pfarrer Niedermair mutmaßt in seinen Chroniken von 1909 und 1939, dass die Kirche in Georgenberg erste Glonner Pfarrkirche gewesen sein wird. Natürlich vor-ausgesetzt, dass es damals überhaupt eine Pfarrei im kirchenrechtlichen Sinne war.
Unterstützt wird diese These damit, dass in Glonn damals keine Kirche nachgewiesen ist. Das Tal mit seinen Bächen und Sümpfen wird eine Barriere gewesen sein. Bis zu dieser natürlichen Grenze gegen Westen waren die Orte (Reinstorf, Kreuz usw.) der Pfarrei im entfernteren Egmating, (Ersterwähnung 794) unterstellt. Balkham und Steinhausen wohl nicht, weil diese Orte erst entstanden sein dürften, als Glonn schon Pfarrmittelpunkt war. Es ist wahrscheinlich, dass die frühe Kirche in Georgenberg für den damals praktizierten Taufritus des Untertauchens nicht geeignet war. Außer man brachte eine entsprechende Menge Wasser von der Glonn auf den Berg. Und so war es, und das bei zunehmender Bevölkerung und damit Tauffällen, praktikabel, in der Glonn direkt zu taufen. Irgendwann wird man dafür eine Kirche gebaut haben, sinn-vollerweise mit dem Patrozinium Johannes des Täufers. Ort und Fluss Glonn hatten ja schon einen festen Namen, sonst hieße man vielleicht Taufkirchen, ein in Oberbayern öfter vorkommender Ortsname, notwendigerweise alle an einem Fluss gelegen.

Wie es heißt, könnte diese erste Glonner Kirche am Bäckerberg nahe der Glonn ge-standen haben. Dies wird auch von Heinrich Kastner angezweifelt. Neuere Befunde ergeben, dass bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts die Glonn in der Nähe der jetzigen Kirche verlief und dann verlegt wurde. Der jetzige Platz der Kirche wird deshalb der ursprüngliche sein. Demnach wäre die aktuelle Kirche der vierte Kirchenbau auf die-sem Platz. Die erste wird eine Holzkirche, wie damals üblich, gewesen sein. Für die weiteren, die Romanische und die Gotische, gibt es Funde. Die jetzige ist im „Zopfstil” erst 1823 geweiht. Die darin enthaltenen Skulpturen haben kunsthistorischen Wert.
Ein „Chunradus” ist 1244 im Pfarrerverzeichnis angeführt. Die Lücke bis 1486 wird wohl kaum zu schließen sein. Die Bedeutung von Pfarrei und Pfarrer in Glonn ergibt sich 1315 aus der sogenannten Konradinischen Matrikel, denn Glonn war einer von den zwei Dekanatsorten im Landgerichtsbezirk Schwaben. Glonn für den östlichen Be-reich, und Egmating, auch Johannes d.T. geweiht, für den westlichen. Und das bis Neu-ching. Warum diese beiden Dekanatsmittelpunkte beide im Süden lagen, ist offen.
Vom damaligen Landgericht bis in unsere Zeit waren die Pfarrer immer wieder auch Dekane.
Die Liste der Pfarrer dürfte erst seit 1524 vollständig sein. Übrigens, dass Glonn schon 1315 Dekanatsort war, könnte bedeuten, dass die Pfarrei damals schon eine „uralte” war, vielleicht schon seit Ratpot, also schon ein halbes Jahrtausend alt.

Unsere Gotteshäuser und die Pfarrei waren nie zum Selbstzweck geschaffen. Sie sind zur Ehre Gottes und für ihre Aufgaben entstanden – und die waren nicht wenige. In erster Linie natürlich die Betreuung der „Seelen” von der Wiege bis zum Grab, sowie die Spendung der Sakramente. Aber auch für soziale Aufgaben war man zuständig, es gab ja noch keine Gemeinden. Schon vor 1560 gab es in Glonn eine Schule, die auch Pfarraufgabe war. Von Bruderschaften, insbesondere die schon 1440 genannte Aller-seelenbruderschaft Glonn, wurden die kirchlichen Aufgaben unterstützt. Die genannte Bruderschaft war nicht arm, sonst hätte sie nicht über ein Jahrhundert lang das Gehalt eines Hilfslehrers übernehmen können. Über dies war sie überregional, woher wären sonst die zeitweise über 2000 Mitglieder gekommen.

Die Ressourcen für all diese Pfarraufgaben waren bei baulichen Maßnahmen Spen-den und Umlagen, sowie Hand-und Spanndienste. überdies erbrachte die zur Pfarrei im Obereigentum stehenden Anwesen, Einnahmen (Naturalien, Stift, Gilt, Laudemien usw.). Dem Pfarrer selbst stand die Bewirtschaftung des „Pfarrhofes”, einem landwirtschaftlichen Betrieb, zu. Der Pfarrer war damit auch Kollege der vielen bäuerlichen Betriebe in seiner Pfarrei. Da er einer der wenigen, wenn nicht der einzige, war, der die dürftige Fachliteratur nutzten konnte, war er auch „Vorzeigebauer”. Seinem Einfluss, aber auch dem Wohlstand seiner „Seelen” hat das bestimmt nicht geschadet.
Wir dürfen davon ausgehen, dass sich Glonn über Georgenberg schon seit der Chris-tianisierung zum Mittelpunkt entwickelte. Damit war die Pfarrei die Basis für unsere Gemeindebildung. Für die Entwicklung unserer Pfarrei waren auch unsere Filialen be-deutend. Baiern und Frauenreuth sind also solche 1315 genannt. Eventuell deswegen, weil diese mit Geistlichen besetzt waren. Beide sind aber wesentlich älter. So ist es auch bei den 1315 nicht genannten Filialen. Diese waren: Adling, Georgenberg, Has-lach, Zinneberg, Doblberg, Sonnenhausen und Steinhausen. Die drei letzten sind der Säkularisierung zum Opfer gefallen. 1928 sind Schlacht, Kreuz und Münster von Eg-mating nach Glonn „umgepfarrt” worden. Die Kirche im Glonner Marienheim und die Kapellen in Reisenthal und Reinstorf, sind in den letzten Jahrzehnten hinzugekommen.
„Stockkatholisch” war Glonn allerdings nie. Die Reformation zeigte Auswirkungen. Der Pienzenauer von Wildenholzen mit seiner „Grundingerin” wurden protestantisch. Und so wurde Bruck zu einem lutherischen Zentrum. Wie Rössler für 1560 feststellt, kamen die Glonner Protestanten nach Bruck zum Abendmahl. Überdies waren die protestantisch gewordenen Rosenbuschs aus München hier auf drei Anwesen Obereigentümer. Erst 1825 erfahren wir wieder von einem zugezogenen „Protestanten”. Es war Gärtner Schenkelberger in Zinneberg, der von der Pfalz hier hergeholt wurde. Dann: Karl Frank, ein Schreinermeister, er war wohl auf der „Walz” und hat in Glonn eingeheiratet. Die 1875 sieben Glonner „Protestanten” unter den 1367 Einwohnern, werden den Glonner Pfarrer nicht „aufgeregt” haben. Auch nicht als 1882 die evangelische Charlotte von Crailsheim in Zinneberg zur Frau von Scanzoni wird. Bereits 1892 verstirbt sie und wird vom Vikar aus Feldkirchen b.M. an der Glonner Kirchenmauer beerdigt. 100 Jahre vorher wohl unmöglich.

Eine andere Zeit hat Einzug gehalten. Zwei Weltkriege und insbesondere die „Völker-wanderung” seit dem zweiten Weltkrieg haben die „Evangelischen” in Glonn zu einer Gemeinschaft mit eigener Kirche werden lassen.
Auch in der uralten Katholischen Glonner Pfarrei hat sich viel verändert. In keinem Jahrhundert vorher, wie im Zwanzigsten, wurden hier so viele Kirchen und Kapellen neu gebaut in Zinneberg, im Marienheim, in Reisenthal und in Reinstorf. Aber auch die Erhaltungsmaßnahmen an unseren alten ehrwürdigen Kirchen und Kapellen zei-gen eine ähnliche Tendenz. Überdies wurden noch zu keiner Zeit so viele neue „Feld-kreuze” wie in unserer geweiht.

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