Unser Lesebuch


von Hans Obermair©
erschienen am 20. Februar 2023 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

Einblicke ins Standardwerk des Unterrichts an bayerischen Volks­schulen aus dem Jahr 1947

Wem von den älteren Lesern kommen die Gemälde auf den Umschlagseiten nicht bekannt vor? Sie zierten die Auflage des 1947 heraus gegebenen Lesebuches für das siebte und achte Schuljahr, also für die da­mals beiden letzten Klassen der Volksschule.
Diese Gemälde sind Hauptwerke der Deutschen Malerei und dürften am Beginn des zweiten Viertel des sechszehntenJahrhunderts entstanden sein. Der Nürnberger Albrecht Dürer war der Meister. Genannt wird das Werk die „Vier Apostel”. In einer frühen Schrift werden diese „menner” als Petrus, Johannes, Paulus und Markus bezeichnet. Unter den zwölf Apos­teln finden wir Paulus und Markus allerdings nicht. Markus war einer der vier Evangelisten und Paulus wird zwar als „Völkerapostel” bezeichnet, zählt aber nicht zu den klassischen Zwölf.
Sehen wir uns die vier Attribute (Buch-Johannes, Petrus-Schlüssel, Markus- Schriftrolle und Paulus-Schwert), dann trifft das auf die genannten zu. Die beiden Gemälde sind im Eigentum der Bayerischen Staatsgemäldesamm­lung.

Fritz Färber besorgte die Textauswahl des Bandes. Dass auf Seite drei des Lesebuches ganzseitig Dürers „Betende Hände” gezeigt werden, sagt uns, dass auch grafisch nach dem sogenannten „Tausendjährigen Reich”, ein Neuanfang dringend geboten war. Dieses Ziel verfolgt auch die weitere Bildauswahl. Auf der zweiten Seite ist die Genehmigung der Amerikaner sozusagen als Vorwort vermerkt: „Education and Religious Affairs Branch Office of Military Government for Germany (US)”. Es ist die Abteilung Bil­dung und Religion der Militärregierung für Deutschland. Text und Bilder hatten also auch, oder nur diesem Maßstab zu entsprechen.

Soweit ich mich erinnere, konnte das Buch von den Eltern erworben oder ausgeliehen werden. Der Name des benutzenden Kindes war ins Buch zu schreiben und so konnte, gerade in späteren Jahrgängen, die Reihe der Entleiher nachvollzogen werden.

Dass die Lesebücher pfleglich zu behandeln und deshalb einzubinden wa­ren, verstand sich von selbst. Der „Apostelumschlag” war nicht mehr zu se­hen, denn durchsichtige Folien, so wie heute, standen damals nicht zur Verfügung. Es gab aber auch oft kein ordentliches Einbindepapier, so dass ersatzweise Zeitungs- oder Packpapier verwendet wurde. Heute verklebt man die Ecken mit „Tesa”, damals war es der gute alte „Mehlpapp”- mit Wasser angerührtes Mehl.

Das Buch hat einen Umfang von 436 Seiten. Mit seinen 329 Textbeiträgen, davon rund ein Drittel als Gedichte und 136 Bildern, teils ganzseitig, ist es wahrscheinlich eines der umfangreichsten und aufwendigsten Bücher, die 1947 in Bayern aufgelegt wurden. Über die Höhe der Erstauflage ist nichts angegeben. Aber es könnten schon einige 10 000 gewesen sein. Also auch ein enormer Papieraufwand, der sicher ohne amerikanische Genehmigung und wohl auch Hilfe nicht bereitgestellt werden konnte. Aber auch daran mag der Wille zur Überwindung des Dritten Reiches erkennbar sein.

Die Texte sind des Öfteren in Ich- oder Wirform abgefasst, wahrscheinlich, um das individuelle Denken zu fördern. Also weg vom Denken in Staats­normen.
An der Spitze der Autoren steht mit 15 Einträgen Johann Wolfgang von Goethe. In der Mehrzahl mit Gedichten. Damit ist er wahrscheinlich der am meisten „Benützte” des Buches. Seine Gedichte waren ja Stoff zum auswendig lernen: „Vom Eise befreit” (Osterspaziergang), oder, oder. Schil­ler ist mit nur zwei Beiträgen im Buch, beschäftigte aber mit dem Auswen­diglernen ebenfalls alle Jahrgänge, eben das „Lied von der Glocke”, und mit dessen Kurzform „Erde-Glocke-Bimbim” wir unsere Gaudi hatten. He­bel und Hesse, Claudius und Rilke und viele andere. Alle wurden sie uns in diesem Buch näher gebracht. Natürlich auch unsere Heimatdichter, wie Ludwig Thoma, Schrönghammer-Heimdal und Carossa, dem unser Wolf­gang Koller sehr verbunden war.
Besonders seien Lena Christ und Helmuth von Cube erwähnt, die bei uns ihre Dichtkunst entfalteten. Vielleicht auch Eugen Roth, dessen Familie beim „Steffl” in Balkham Unterschlupf fand, und dem ein Gedicht auf die Stefflmutter nachgesagt wird, weil sie so gute Schmalznudeln aufgetischt hatte.

Lena Christ, 1947 sicher nicht so populär wie heute, ist natürlich für uns besonders interessant. Mit ihrem Auszug aus dem Roman „Matthias Bichler” vermittelt sie, was ein „Kammerwagen” ist, nämlich jener „Schatz” den die Braut Tage vor der Hochzeit auf ihr künftiges „Dahoam” eben mit dem so genannten Wagen bringen lässt. Hinten nach trottet die „Brautkuh”, zwar etwas unfreiwillig, aber sie gehörte dazu. Das Interessante dabei ist, dass der „Kammertwagen”, wie er bei uns genannt wurde, 1947 in ländli­chen Gegenden noch „der Brauch war”. Womöglich hat dieser Eintrag dem Ganzen sogar noch einen „Schub”gegeben.
Und dann mit zwei Einträgen Helmuth von Cube. Er und sein Bruder Wal­ter haben die Umstände der Zeit, Walter nach Loibersdorf und Helmut nach Balkham, verschlagen. Beide entstammten einem baltischen Adel und werden hier anfangs ihre Schwierigkeiten gehabt haben, alles zu ver­stehen und zu begreifen. Scheinbar ist es gut gelungen, zumindest dem Hellmuth von Cube. Denn 1949 veröffentlicht er im Merkur einen Bericht über Glonn und natürlich die Glonner. Von seinem „zu Hause” im Balkhamer Stefflhaus hat er Glonn nicht nur von oben gesehen, sondern hat es auch erlebt.
1969 beweist er in einem Artikel, dass er zum Lena-Christ-Kenner gewor­den ist. Seine zwei Einträge in unserem Lesebuch befassen sich allerdings mit „Viechern”. Einmal „der Hund”, vom kleinen Hund und vom großen Mann. Und ein zweiter, kurze Beitrag ist überschrieben mit „die Eidechse”. Zwei Tiere, die der Dichter im ländlich-bäuerlichen Balkham wohl hautnah erlebt hat.

Für viele Schulkinder war dieses Lesebuch ihr „erstes Buch”, so geschaffen, dass man es als literarischen Schatz sehen und zu Hause lesen kann und sollte. Wie ich mich erinnere, war dies bei mir weniger der Fall. Es wurde „nur” in der Schule zum Vorlesen eingesetzt. Konkurrenz war da, zumin­dest bei mir, Karl May und die Western-Heftl, deren Auflagen sich ab den Fünfzigerjahren sprunghaft entwickelten.

Aber immerhin, es wurde viel gelesen. Überdies musste das Lesebuch am Ende der achten Klasse wieder zurückgegeben werden. Es blieb aber in gu­ter Erinnerung, so dass ich, vielleicht nach sechs Jahrzehnten, das antiqua­rische Angebot im Internet nutzte. Seither steht es wieder in meinem Re­gal und kommt mir interessanter vor als zu Schulzeiten.

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