Schlechter Schnitt mit hiesigen Schnitten

von Hans Obermair
erschienen am 03. Januar 2023 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

Der zugezogene Künstler Willi Kruse tat sich schwer, Motive aus Glonn und Kastenseeon vor Ort zu verkaufen – zu seinem erklärten Leidwesen. Der Durchbruch gelang ihm erst später, als er zurück in München war.

Unter den schöpferischen Persönlichkeiten des Landkreises nimmt der Kunstmaler und Grafiker Willi Kruse in Kastensee­on einen besonderen Platz ein. In der Stille und Abgeschiedenheit findet er hier seine Motive und gestaltet seine Werke. Wie 1950 schon die Ebersber­ger Zeitung schrieb, hat es Willi Kruse des Kriegs wegen erst nach Egma­ting und dann nach Kastenseeon verschlagen. Womöglich, als er in Mün­chen ausgebombt wurde, das kann schon 1943 gewesen sein. Nach Kas­tenseeon, jetzt mit seiner Frau Erna, ebenfalls Künstlerin, kam er wohl 1949, in das „Heißnhaus” des „Franzenanwesens”. So berichtet es auch Ka-thi Hütt, die älteste Tochter der Familie Kronester, eben den „Franzens”.

Das Wohnen in Egmating und Kastenseeon bedeutete für Willi Kruse eine deutliche Einschränkung seiner künstlerischen Tätigkeit im Gegensatz zu München. Dort hatte er ein von der Kunstakademie gestelltes Meisterate­lier. Bei einem Fliegerangriff rettete er unter Einsatz seines Lebens Arbei­ten von Akademieprofessoren. Vermutlich bedeutende Werke, sonst hätte man Kruse nach dem Krieg nicht das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Auf dem Land fehlte nicht nur das Atelier, sondern es gab auch soziale Sorgen. 1952 wendet sich Kruse in einem Brief an den Glonner Bürger­meister: Die Gemeinde habe ihm noch kein einziges Werk abgekauft, wo doch seine Bedeutung in Presseartikeln schon mehrfach gewürdigt wurde. Er bittet den Bürgermeister auch, den neu gewählten Landrat, einen selbst ernannten Kunstfreund, auf einen Kauf hinzuweisen. „Seit 1944 sitze ich zwischen Egmating und Glonn und habe hier kein einziges Bild verkauft”, schreibt er weiter. Würde nicht seine Frau beim Bayerischen Rundfunk das Geld fürs Nötigste verdienen, sähe es schlecht aus. Überdies wisse er nicht, wie lange seine Frau der täglichen nervenaufreibenden Arbeit noch gewachsen ist.

Wie die Franzntochter Kathi bestätigt, waren die Kruses trotz allem nette Leute. In der „schlechten Zeit” war es leichter auf dem Lande zu leben, als in der Stadt. Aber die Zeit hatte sich normalisiert, sodass es möglicherwei­se nur mehr die Motive waren, die das Künstlerpaar in Kastenseeon hiel­ten. Überdies gab es in München kaum bezahlbare Wohnungen.
1952 hat man es wohl mit dem Verkauf auf dem Lande nochmals in mit ei­ner Ausstellung im Glonner Neuwirtsaal probiert. Nicht mit großem Erfolg. Wer in Glonn ein Bild kaufte, tat es in der Regel beim Maler Lanzenberger, dem Platzhirsch. Auch der war im Grunde als Künstler ein armer Teufel, obwohl er im eigenen Haus wohnte. Die Kruses waren halt eher Stadtmen­schen. Und so war die Übersiedlung in die Münchner Kaulbachstraße Ende 1952 nur der Schlusspunkt eines lang gehegten Wunsches.

Willi Kruse war 1910 in Herfurt/Westfalen geboren, als Sohn des Malermeistens Robert Kruse und seiner Frau Maria. Seine erste Kunstausbildung absolvierte er in der Kunstgewerbeschule Bielefeld. 1936 wechselte an die Akademie der Bildenden Künste in München – eine der bedeutendsten. Die Aufnahme spricht für sein Talent. Er wird Meisterschüler bei Adolf Schinnerer, Professor für Malerei und Grafik. Einige der Werke Schinnerers wurden im dritten Reich als „entartete Kunst” gesehen und beschlag­nahmt. Kruses Zeit in München endet im erwähnten Bombenhagel. Er zieht nach Egmating. Ob zunächst mit oder ohne seine spätere Frau Erna, ist nicht be­kannt. Jedenfalls heiraten 1946 beide in München. Als Künstlerin nennt sie sich Manuela.
Der Beginn der „freien” Karriere der Kruses war in Egmating und Kasten­seeon. Willi Kruse geht von der Malerei immer mehr ins grafische Genre. Es wird sein Schwerpunkt. Vielleicht deswegen, weil von den Holz- oder Linolschnitten mehr Abzüge möglich waren und das einzelne Werk preis­werter sein kann. In die Zeit hätte dieses Verhalten gepasst. Die Verbin­dung zur Kunstwelt, vornehmlich zur Münchner, pflegte er weiter. Und so können wir in der Ebersberger Zeitung von 1951 lesen: „Der Name Willi Kruse gewinnt mehr und mehr an Klang.” Unlängst habe die Stadt Mün­chen zwei Gemälde zum Thema Kastensee gekauft (knospender Frühling und Winter mit tief verschneitem Bauernhaus). Kruse stelle derzeit in der Münchner Katakomben aus.
Internationale Kunstkreise wurden auf Kruse aufmerksam und er bekam von Institut für Kunstwissenschaft in Lindau einen Brief: Eine internationa­le Jury habe gebeten, er solle an einer Ausstellung teilzunehmen. Der Grund war sein Holzschnitt „Jahrmarkt”. Es könnte ein Glonner Jahrmarkt gewesen sein.
Wieder in München stürzen sich die Kruses voll ins Künstlerleben. Später (tz vom 13.5.1993) wird er der alten Schwabinger Boheme zugerechnet. Seine Themen sind Holzschnitt-Zyklen, und Aquarelle mit exzentrischen Randfiguren der Gesellschaft. Und die farbige Welt der Jahrmärkte und der Artisten. Die wohl in seinem Atelier gefeierten Künstlerfeste „Zirkus Schräg” sind über die Münchner Grenzen hinaus bekannt. Aber auch die Seerosenabende des literarischen Kabaretts Monopteros. So erhält Willi Kruse 1971 den renommierten Schwabinger Kunstpreis. In 150 Städten und 49 Ländern sind seine Werke ausgestellt. An die 80 Grafikpreise hat ihm das eingebracht. Das Atelier und wohl auch die Wohnung der Kruses sind jetzt in der Georgenstraße. Bei der Kunstausstellung anlässlich der Glonner 1200-Jahrfeier, wählte man das Motto „Glonner Künstler – Glonner Motive”. Also Künstler die in Glonn gebürtig sind beziehungsweise in der Gemeinde einmal gewohnt haben oder Glonner Motive malten. Willi Kruse passte für beides. Die Kru­ses sagen zu. Von Willi konnten zehn und von Manuela Kruse fünf Werke gezeigt werden. Allerdings ohne Glonner Motive. Eine Retourkutsche in Er­innerung an das Glonner Kaufverhalten in früheren Zeiten?

Der Autor dieser Zeilen konnte Kruse bei der Gelegenheit zwei Linolschnit­te aus seinem Fundus, einen Glonn von Süden und einen von der Kreuzer Kirche, abkaufen. Ein drittes Motiv aus der Region vom Kastensee befindet sich im Besitz des Franzenanwesens. Fotos von möglichen weiteren wür­den das Heimatarchiv bereichern.

1995 verstarb Willi Kruse in Agios Nikolaos auf Kreta, wo er zuletzt aus ge­sundheitlichen Gründen lebte, 2011 starb seine Frau. Ihre Werke, und da­mit eigene künstlerische Perspektiven auf die Region, überdauern.

zurück