Tausendundeine Nacht in Glonn

von Hans Obermair©
erschienen am 29.11.2022 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

 

Gemälde von Karl Mühlmeister, 1945

Wenn unter Glonns Malern Georg Lanzenberger der mit den meisten Glonner Motiven und die Behams die kunstgeschichtlich interessantesten waren, war Karl Mühlmeister wohl der, der am meisten publiziert und beachtet wurde. Wird nach ihm aber gefragt, ist kaum eine Antwort zu erwarten. Nur drei Werke dieses Wahlglonners waren es, die 1974 bei der Ausstellung „Glonner Künstler“ – „Glonner Motive“ gezeigt werden konnten: Blick auf des Wendelstein, dann Frauenbründl und die Via Appia. Nennt man aber Bücher und Geschichten, die er illustriert hat, werden sie viele kennen oder gelesen haben: Wie „Heidi” und anderes von Johann Spyri, Grimms Märchen, den einen oder anderen Band von Karl May, Lederstrumpf von Cooper oder Tausendundeine Nacht, um nur die bekanntesten zu nennen.

Karl-Rudolf-Gustav Mühlmeister wurde am 3. März 1876 in Hamburg geboren. Der Vater, Wilhelm Mühlmeister, stammte aus Detmold, war Zeichner und Lithograph und ab 1876 auch Mitinhaber einer bedeutenden Kunstanstalt in Hamburg. Die Mutter Dorothea war eine geborene Brühling. Der Großvater Carl war Hofmusikus (Hornist) in Detmold, der Stadt, in der auch der Glonner Komponist Günter Bialas nach dem Krieg tätig war. Nach der Gymnasialzeit arbeitete Karl bis zum Tod des Vaters in dessen Kunstanstalt. Dann ging er nach München an die Akademie der Bildenden Künste. Er war Schüler des Malers und Radierers Peter von Halm. Die Ehe mit Dora Holmberg, Tochter des Malers August Holmberg, blieb kinderlos.

Karl Mühlmeister war die Kunst sozusagen in die Wiege gelegt. Mit einer familienbedingten guten finanziellen Ausstattung hatte der junge Künstler eine gute Startposition. Bis zu seinem Umzug nach Glonn wohnte und arbeitete er in München.

Schon früh wurde Mühlmeister als begabter Illustrator entdeckt, der nicht nur Personen und Ereignisse auf Papier brachte, sondern auch Empfindungen. Beides bildet ein harmonisches Ganzes. Sicher litt er, wie viele andere Künstler auch, unter dem reduzierten Kunstmarkt in der Zeit des Nationalsozialismus. Dass die Mühlmeisters gut situiert waren und sich schon vor dem Krieg Auslandsreisen leisten konnten, spricht aber für eine solide Finanzsituation.

Fälschlicherweise wird Mühlmeisters Sterbedatum oft für 1942 angenommen. Laut Eintrag im Glonner Standesamt war es aber der 28. Dezember 1948. 1942 hat er sich wohl in München abgemeldet. In Glonn, seinem letzten Aufenthaltsort, gibt es auch Fotos von ihm. Hier hatte er offenbar Wurzeln geschlagen. 1942 könnte auch der Zeitpunkt gewesen sein, zu dem er ausgebombt wurde und Glonn zu seinem Erstwohnsitz machte.

Da gab es die voralpine Landschaft und ein paar Leute, bei denen die Mühlmeisters Schutz und Vertrauen fanden. Wohl einfache Bauersleute und Menschen, die denen, die er in seinen Werken so oft charakterisierte hatte, am nächsten kamen. Vielleicht waren es aber auch die Glonner Motive. Fotos zeigen, dass sich die Mühlmeisters ihre neue Heimat auch „erwandert” haben.
In der ersten Nachkriegszeit wurde der Wohnsitz von Glonn nach Reinstorf zum „Bohmer”, also zum Esterl verlegt. Dort stirbt Karl Mühlmeister. Er wird auf dem Kreuzer Friedhof beerdigt. Seine Frau, Berta Mühlmeister, bleibt noch etwa 10 Jahre in Reinstorf. Dann zieht sie ins Altersheim nach Laufen an der Salzach. Wie der Glonner Robert Esterl weiß, lagerten auf dem Speicher in Reinstorf viele Mühlmeister-Bilder, die nach dem Wegzug der Frau nach München gelangten.

Wie viele Bilder Mühlmeister in Glonn und wie viele Glonner Motive er gemalt hat, lässt sich nicht nachweisen. Bekannt sind etwa zehn. Mag sein, dass in Glonner Häusern unbekannterweise noch „Mühlmeister” hängen oder lagern. Dies wäre schon allein wegen der Glonner Motive interessant und ein Register wert.
Mühlmeister-Werke finden wir zigfach in den von ihm illustrierten Büchern. Die Vorlagen hierzu dürften sich bei den Verlagen befinden. Einzelwerke außerhalb der Verlagsarbeit, sind dagegen selten. So zeigt es auch der Kunstmarkt. Das liegt zum einen daran, weil er von seiner Haupttätigkeit als Illustrator gut leben konnte und so Einzelwerke erst gar nicht entstehen mussten.
Umso erfreulicher, dass das 1945 entstandene Bild von Kreuz und dem Mesneranwesen erworben werden konnte und sich in Glonner Privatbesitz befindet. Auch das Jahr seiner Entstehung macht das Bild interessant – welcher Maler hat sich schon 1945 mit seiner Kunst beschäftigt? Es darf Materialknappheit angenommen werden – und die geringe Chance, das Bild eines Ortes mit Kirche und zwei Anwesen, mit vielleicht einem Dutzend Einwohnern, zu verkaufen.

Warum hat Mühlmeister dieses Motiv ausgewählt? Vielleicht hat er sich schon damals den Kreuzer Friedhof als seinen letzten irdischen Platz gewünscht oder ausgewählt. So konnte er seinen sicher vielen Bekannten aus seiner Münchner Zeit schon vorab seine letzte Ruhestätte zeigen. Eine zweite Möglichkeit steht im Raum: Das kinderlose Mesnerehepaar Peter Wimmer und Frau Johanna, sowie deren Schwester Anna Messerer, die „Mesner-Nanni” von Kreuz genannt, sie versah über Jahrzehnte den Mesnerdienst in der Kreuzer Kirche, war sehr sozial eingestellt. Dass dies auch dem damals „brotlosen” Künstlerehepaar Mühlmeister aus dem nahen Reinstorf zugutekam, ist gut vorstellbar. Die Mesnerleute wollten hierfür sicher keine Gegenleistung, sonst wäre dieses Bild bestimmt nicht 50 Jahre später auf den Kunstmarkt gekommen, sondern hätte im Mesnerhaus auf Dauer einen Ehrenplatz eingenommen.
Der vom Maler angebrachte Bilduntertitel, obwohl die Kirche das Hauptmotiv ist, lautet „Kreuz bei Glonn – Obb Mesnerhaus Wimmer 1945″. Dieser Angabe klingt schon fast wie eine Widmung – ein Dankeschön. Die Signatur ist in Druckbuchstaben mit „Karl Mühlmeister” angegeben.