Maler der Heimat


von Hans Obermair©
erschienen 1. März 2022 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

Zum 125. Geburtstag des Glonner Künstlers und Bürgermeisters Georg Lanzenberger

Aus bestem Haus: die Eltern angesehene Glonner Wirtsleute und der Vater zudem ab 1899 Bürgermeister. Noch dazu der, der 1901 Glonn zum „Markt“ machte. In dieses „gemachte Nest“ wird am 24. März 1897 als fünftes von sieben Kindern Johann-Georg Lanzenberger geboren, der später als Maler eine lokale Berühmtheit wurde – und heuer eben seinen 125 Geburtstag feiern würde.

Die siebenjährige Volksschule besuchte Johann-Georg Lanzenberger in Glonn und wie es bei Wirtskindern so üblich war, hatten ihn sicher auch das elterliche Wirtshaus und seine Gäste mit erzogen. Der 1907 gegründete „Glonnthaler“ Trachtenverein hatte in der „Lanz“ seine Herberge. 1909 ist Georg sein „Taferlbua“. Schon als Sechs- oder Siebenjähriger malt er, wohl von einem Foto, das alte Wirtshaus, sein Geburtshaus.
Der erst 17-Jährige wollte ab 1914 zusammen mit seinem Freund Karl Kol­ler, dem Sohn des Ortsgendarmen, die Welt sehen. Schon in England holte sie der Krieg ein. F Lanzenberger bedeutete das vier Jahre Internierung, aber glücklicherweise auch ein Kunststudium. Aus dieser Zeit sind erste Kunstwerke bekannt.

1918 wieder zu Hause, wohl als „Wirtssohn“ tätig, konnte er in den Folge­jahren in München sein Kunststudium, unter anderem bei Professor Geiger und auch Olav Gulbranson, vollenden. Ausstellungen, unter anderem auch 1927 im Münchner „Glaspalast“ und das Atelier in Schwabing sind Stationen des Künstlerlebens, das auch in Glonn stattfand. Wohl auch wegen der „Nahrungsquelle“ im elterlichen Anwesen.

1929: Lanzenberger ist zu diesem Zeitpunkt in der Mitte der Dreißiger und ledig. Dem gut aussehenden Künstler hat es sicher nicht an Bekanntschaften gefehlt. Die Wahl fällt auf die drei Jahre jüngere Anna-Maria Stettmayer, die am 2.6.1932 seine Frau wird. Die standesamtliche Trauung ist in München und die kirchliche auch. Die Ehe blieb kinderlos. Im gleichen Jahr zieht das Paar nach Glonn und mietet das ehemalige Forstmeisterhaus in der Glonner Filzen. Neben Schaf- und Hühnerzucht versieht Lanzenberger auch die Kasse und Verwaltung seines Bruders Kino in der „Lanz“.

Die Machtergreifung durch die „Nazis“ am 30.3.1933 änderte am Leben von Georg Lanzenberger zunächst wahrscheinlich nichts. Es ist nicht bekannt, wie er politisch interessiert war. Mag schon sein, dass Hitlers „Aufräumen“ zum Beispiel mit der unglücklichen Weimarer Republik, wie bei vielen, bei Georg Lanzenberger auch Beifall fand und er deshalb am 1.5.1933 Parteimitglied wurde. Zu diesem Tag musste auch die Zusammensetzung der Gemeinderäte nach dem Reichstagswahlergebnis vom 5.3.1933 neu geregelt werden. Erster Bürgermeister blieb Ludwig Mayer, Zweiter wurde letztlich Bruder August, der von der NSDAP bestimmt wurde. Erst als Mayer am 30.8.1933 aus „Gesundheitsgründen“ zurück trat, ging auch der Zweite, wohl deswegen, weil sein Bruder Georg Lanzenberger von Ebersberg aus zum Ersten Bürgermeister bestimmt ist.

In Glonn gab es aber auch Widerstand. In einem Monatsbericht 1935 heißt es „Die Bauern lernen allmählich die Gesetzte der NS-Regierung begreifen und man sieht den ehrlichen Willen mitzuarbeiten. Die Gegner und Hetzer befinden sich nur mehr in den Kreisen der Geschäftsleute und des Klerus. Letzterer kämpft mit allen Mitteln um die Jugend.“

Mag auch sein, dass Lanzenberger deswegen am 24.2.1937 seinen Austritt aus der katholischen Kirche erklärt hat, auch in dem Wissen, dass dies bei der Bevölkerung nicht bekannt wurde, aber sicher bei seinen Vorgesetzten Punkte brachte.

Inwieweit Lanzenberger während seiner Bürgermeisterzeit der Malerei nachging, ist kaum nachzuvollziehen. Bekannt sind von 1934 zum Beispiel zwei Versionen des Glonner Marktes, wie er ihn von seinem Amtszimmer aus sah.

Über Lanzenberger gibt es so manche belastende Aussage. Gegen ihn sprechen die vielen Einberufungen, die er mit gutgeheißen hat. Noch dazu, wenn die Einberufenen gefallen waren. Alban Huber, einer der Akteure des „Pfingstlümmels 1936“ verhält sich zurückhaltend. Er, sein Bruder und seine Schwestern waren an verschiedenen Aktionen gegen die Nazis beteiligt und hatten von daher mit dem Bürgermeister nicht die besten Erfahrungen. Hier sei angemerkt: Keiner kam in ein KZ.

Insbesondere die zwölfjährige Amtszeit gibt Anlass zur Vermutung, dass er ein „Nazi“ war. Damit hätte er die Ideologie er das Wohl des Ortes und seiner Bewohner gestellt. Hätte er es anders gewollt, hätte er ja „aussteigen“ können, so könnte man nach heutigem Verständnis folgern. So einfach war es aber in der Nazizeit nicht. So etwas hätte man als offenen Widerstand gewertet, der sicher Folgen, wahrscheinlich auch KZ, bedeutet hätte.

Und so gab es für ihn, der Glonner war und in Glonn viele Bekannte hatte, nur den Weg: Noch oben loyal und nach unten pragmatisch. Von Zeitzeugen wurde immer wieder bestätigt: „Ein Nazi war er schon, aber er hat niemand nach Dachau (KZ) gebracht“. Die Glonnerin Maria Sedlmair schreibt: „Doch darf nicht vergessen werden, dass er viele Bürger von Glonn von dem Grauen des KZ Dachau und vor fürchterlichen Folgen bewahrte.“ Weiter: „Die Gebrüder Alban und Martin Huber, Seiler Hans von Haslach, Spitzer Georg von Gailling, der Wiesmüller Lenz (Kirmair) und Eduard Singer waren schon verhaftet und durften später nach Hause. Ohne Fürsprache von Georg Lanzenberger und Karl Koller hätte es nicht gut ausgesehen“.

Als dann am 1. Mai 1945 in Glonn die Amerikaner einmarschierten, wäre natürlich der Bürgermeister dran gewesen. Aber den gab es nicht mehr, denn, so Pankraz Mennacher, er habe bei Kriegsende mit einer kleinen Gruppe von Antinazis Lanzenberger gebeten, sein Amt als Bürgermeister niederzulegen, um jegliches Blutvergießen zu verhindern, was dieser zusagte.

Lanzenberger wird 1945 für drei Jahre interniert und kann 1948 wieder in Glonn bei seiner Frau im Forsthaus in der Filzen sein. Zuhause nimmt Lanzenberger wieder seine Künstlertätigkeit auf. Es sind vorwiegend Motive aus der Heimat. Soweit es ihm möglich ist, zog es ihn mehrmals an den Gardasee, nach St. Angelo auf Ischia und die kleine Nachbarinsel Procida, um dort südländische Stimmungen auf seine Leinwand zu bannen.

Im Dezember 1949 veranstaltet er in Glonn eine Kollektivausstellung. Wolfgang Koller ehrt ihn in einem Artikel als „Maler der Heimat“. Dass Lanzenberger 1952 auf Veranlassung von Pfarrer Boxhorn wieder Mitglied der katholischen Kirche wird, lässt von beiden Seiten eine Normalisierung erkennen. Die Bürgermeisterkandidatur von 1956 ebenfalls. 1957 gibt es einen öffentlichen Auftrag: Die neu gebaute Glonner Schule verziert er mit dem Zyklus „Hans im Glück“.

Ab ca. 1955 malt er auch in Hinterglas. Laut den Presseberichten steigert sich die Zahl der Ausstellungen des Künstlers bis zur Jahresausstellung. Immer mehr Leute wollen einen oder ein paar „Lanzenberger“ in der Wohnung.
Nach dem Tod seines Bruders Max 1952 musste er sich zur Malerei jetzt ganz um den Betrieb des Kinos im elterlichen Saal kümmern. Es ist anzunehmen, dass er „seine“ Kinotätigkeit erst 1977 mit der Schließung des Kinobetriebes und dem Umbau zum Verbrauchermarkt beendet hat.

1972 gilt es den 75. Geburtstag des Künstlers zu feiern. Bürgermeister Decker zeichnet ihn mit einer Ehrengabe aus. Und seine Malgeräte nehmen immer noch den wichtigsten Platz in seinem Leben ein. 1986 ehrte Bürgermeister Sigl den 89-jährigen als „Aushängeschild des Ortes“. Lanzenberger verstarb 1989. Er wurde 92. Bis zuletzt habe er Pinsel und Bleistift in der Hand gehalten, so die Presse.

Nun sind und werden es die Gedächtnisausstellungen sein, die an den Künstler erinnern. Der Glonner Kulturverein sorgt schon dafür. So auch zum 100. Geburtstag 1997 und jetzt zum 125.. Das eigentliche Gedächtnis an Meister Lanzenberger werden aber die ein paar hundert Bilder sein, in Wohnungen und Ämtern, die dauernd nicht nur an ihn erinnern, sondern auch den Betrachtern Freude bereiten.

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