
von ©Hans Obermair
erschienen am 11.8.2022 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung
Die Ernte von Körnerfrüchten war früher Schwerstarbeit, für die jede Hand auf dem Feld und am Hof gebraucht wurde. Heute ist die getreideernte ein Unterfangen mit hohem Maschineneinsatz. Ein Blick zurück in eine Zeit von Sichel und Sense.
Der Getreidebau hatte dort, wo es einigermaßen möglich war, in der Landwirtschaft schon immer einen hohen Stellenwert. Getreide war Nahrung für Mensch und Vieh, dann die Marktfrucht mit der höchsten Energiedichte, was ja in Bezug auf den Transport wichtig war. Zudem ist Getreide bei fachgerechter Lagerung über Jahre hinweg haltbar. Schon in der Bibel lesen wir, dass es die sieben „fetten“ und die „mageren“ Jahre auszugleichen hatte. Erinnert sei auch an die Getreidestadel in unserer Gegend, die so konstruiert waren, dass „Nager“, aber auch fliegende Schädlinge nicht in das Lagergut eindringen konnten. Ein Beispiel: Der alte Getreidestadel im Staatsgut Grub.
Die Hauptfrüchte waren „Korn” (Roggen) und Weizen als „Winterung” für das Brot, und als „Sommerung” Gerste für Bier, Nahrung und Futter, sowie Hafer für das Vieh. Auch Vorgängerarten wie zum Beispiel Dinkel konnten regionale Bedeutung haben. Mit Winter- und Sommergetreide hatte man verschiedene Saat- und Erntezeitpunkte, was ja auch einen Risikoausgleich darstellt. Nach Winterung und Sommerung folgte das Jahr der Brache, für die Äcker ein Ruhejahr, die man für die Weide nutzte. Deshalb gab es auch den Flurzwang. Der war wichtig bei diesen kleinräumigen Feldern. Die Er-träge waren wesentlich niedriger als die heutigen. Eine Aussage eines Bau-ern aus dem Oberland in den 1930-er Jahren mag dies verdeutlichen: Er freute sich, weil er acht „Sam” geerntet und gedroschen habe, also das Achtfache der Aussaatmenge.
Gegenüber dem Grünland, hatte der Getreideanbau das größere Risiko: Wenn der „Schaur schlug” (Hagel), schadete das der Ernte. Auch deshalb die kleinteilige Flur, damit jeder überall ein Feld hatte. Aber auch von einem Schneefall auf die Kornblüte wird berichtet. Mit Seilen streifte man den Schnee von den blühenden Kornähren ab. Aber mit der Blüte vernichtete man auch die Ernte. Mein Urgroßvater entschied sich gegen diese Methode und konnte so die Ernte einfahren.
Das Schneiden des Getreides erfolgte erst mit der Sichel und später mit der Sense. Hinter dem „Moder” (Schnitter) wurde das Schnittgut „aufge-klaubt” und zu Garben gebunden. Nicht die schönste Arbeit, denn Unkraut, insbesondere stachelige Disteln, gab es genügend. Das Handmähen wurde in den 1920er Jahren durch die Mähmaschine dann durch den Ableger, bei dem man die Garben noch von Hand binden musste und schließlich durch den Bindemäher, der fertige Garben aufs Feld legte, abgelöst. Die Garben wurden zum Trocknen zu „Mandln” zusammengestellt. Hier war auch „Kinderarbeit” gefragt. Nach ein paar schönen Tagen in die Scheune eingeholt, wurden die Garben im Stadel so gerichtet, dass die,,Spatzen” nicht an die Ähren konnten.
Die älteste Druschmethode dürfte das Auspeitschen der Ähren sein. Irgendwann kam die „Drischel”: Ein langer Stiel, an dem mit Lederriemen ein gut 50 cm langes und etwa 10 cm starkes Rundholz befestigt war. Dieser “Dreschflegel” wurde flach auf das auf der Tenne liegende Dreschgut geschlagen. Bis zu sechs oder gar acht Personen konnten das sein, die reihum im Takt ihre Arbeit machten. Man durfte dabei nicht auf den Flegel eines anderen schlagen. Und so, wie mein Vater sagte, brauchten die Drischler eine „gutes Musikgehör”, um die Reihenfolge sicher einzuhalten. Dann wurde das leere Stroh ausgeschüttelt und gegebenenfalls zu „Schab” (Strohbündel) gebunden. Durch „Windwurf” und Sieben wurde dann bei diesem Getreide-Spreugemisch die Spreu vom Getreide getrennt. Später geschah dies durch die „Windmühle”, ein handbetriebenes Gerät.
Ab etwa der Jahrhundertwende wurde die Drischel durch den „Hakenzylinder”, ein Gerät mit einem hakenbewährten Zylinder, abgelöst. Hier ging nichts mehr mit menschlicher Muskelkraft. Ein „Göppel” musste gebaut werden. Dabei wurde von dem im Kreis gehenden Zugvieh eine stehende Welle gedreht. Die übersetzte Drehung wurde meist per Zahnräder über Scheiben und Riemen, gegebenenfalls über eine Transmission, auf den Hakenzylinder übertragen, mit pro Zugtier einer Pferdestärke (PS). Damit die Spur der reihum gehenden Zugtiere nicht zu einem Graben wurde, wa-ren diese Göppelkreise gepflastert. Beim Wirt in Ottersberg konnte man diese Pflasterung noch Ende der 1950er Jahre sehen. Alternativ zum Göp-pel gab es auch den Ottomotor, der oft mit Spiritus betrieben wurde, und dessen industrielle Erzeugung immer mehr zu einem Betriebszweig (Kar-toffelbrennereien) der Landwirtschaft wurde.
Die neue Methode war aber die Dreschmaschine, die im Grunde die Arbeit des Hakenzylinders und der Windmühle vereinte. Hier brauchte man viel mehr Energie, die nur eine Dampfmaschine erzeugen konnte. Insgesamt ein teures Gespann mit hoher Leistung, deren Kauf sich oft nur für eine Dreschgemeinschaft, häufig auch eine Genossenschaft, oder für einen Dreschunternehmer lohnte. Das Dreschen war jetzt überbetrieblich zu or-ganisieren. Schon wenn die „Dreschgarnitur”, bestehend aus Dreschma-schine, Dampfkessel und später auch die Strohpresse auf dem Hof kam, war oft schon der Nachbar mit gefragt. Ein Vierer-oder Sechser-Pferdezug musste es schon manchmal sein, um dieses Gewicht zu transportieren. Mit der Verbesserung der ländlichen Stromnetze wurde dann immer mehr der Elektromotor zum Antriebsaggregat. Diese Dreschmethode erledigte sich erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts durch die Einführung des Mähdreschers.
War Dreschen angesagt, mussten alle Kräfte gebündelt werden, nicht nur auf der Tenne, sondern auch in Küche und Keller. Nicht umsonst gab es das Sprichwort „der isst wie ein Drescher”. Aber auch Kinder mussten, so-weit es die Schule erlaubte, mithelfen. Ihre Aufgabe: Die Spreu, die die Ma-schine in Massen ausschüttelte, weg zu tragen. Im Norden des Landkreises hieß diese Spreu „Amt” und im Süden „Flahn”. Ich erinnere mich: An meinem zehnten Geburtstag (1949) waren die „Flahn” den ganzen Tag meine Aufgabe. Ich war stolz, war ich doch ein Teil der Dreschmannschaft und zu den Mahlzeiten gab es für mich ein „Kracherl”.
Wie schauten nun solche Dreschtage beim Wirt in Ottersberg, dem Hof, auf dem ich aufgewachsen bin, aus? War die Feldarbeit getan, ging es ans Dreschen. Zu dritt hatten wir eine größere „Esterer”-Dreschmaschine mit Presse (Marke Raussendorf). Ein 22-PS Elektromotor trieb das Ganze an. Das Aufstellen der Maschine in der Tenne musste mit der Wasserwaage erfolgen, damit die Siebe und die Sortiertrommel funktionierten. In einem Stück wurden dann zwei oder drei Tage gedroschen. Insgesamt waren es an die acht. Für die verschieden Tätigkeiten waren an die zehn Leute nötig. Das hieß, man brauchte Taglöhner oder man half sich gegenseitig. So musste auch ich manchmal zum „Dreschen” gehen. Ich tat dies nicht un-gern. Da hatte ich nur meine Arbeit zu tun und musste mich um nichts kümmern. Daheim war ich nämlich der „Maschiner”, der für das Funktio-nieren der Maschine Verantwortung hatte. Das hieß auch, während der Mittags- oder den Brotzeitpausen die Maschinen zu schmieren. Bei diesen Pausen ging es nämlich immer lustig zu. Da wäre ich gerne dabei gewesen.
„Maschiner” sein bedeutete auch, während des Betriebes unter die Presse zu schlüpfen, um neu „einzufädeln” wenn das Pressgarn gerissen war. Dies war nicht ganz ungefährlich. Ein Abstellen und wieder Anfahren der Ma-schinen hätte wertvolle Zeit gekostet. Während das Stroh als Pressbündel im Stadel eingelagert wurde, musste das Getreide, das marktfertig von der Maschine kam, entweder in Säcken auf den Speicher getragen, bezie-hungsweise am Abend mit einem handbetriebenen Windenaufzug dorthin gebracht werden. Oder die Säcke, die maximal 100 Kilo schwer waren, wurden auf einen Wagen gestellt. Zur Abholung durch die Brauerei, oder zum Transport ins Lagerhaus.
Als dann alle drei, der „Homer” von Gelting, der „Sprunkmoar” und der,,Wirt” von Ottersberg auf Mähdrusch umgestellt hatten, es war cirka 1959, wurde der „Esterer” aufs Feld gefahren, mit Benzin überschüttet und angezündet. Niemand trauerte vor dem Haufen Schrott der alten Dreschmethode nach, obwohl damit, wieder still und leise, eine bäuerliche Epoche ihren Abschluss gefunden hatte.

