Die Auswanderer

von ○Hans Obermair

erschienen am 18.8.2022 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

Familie Grasberger aus Kreuz bei Glonn in Amerika -„Moarsöhne” auf der Suche nach dem Glück

Wenn Deutschland heute „Einwanderungsland” genannt wird, so war es im 19. Jahrhundert zweifelsohne ein Auswanderungsland. Für die meisten war Nordamerika das Land ihrer Zukunft, und damit ihrer Träume. Der Traum nach einer besseren Zukunft, ist Teil der Menschheitsgeschichte. Waren es häufig Hungersnöte, so auch zum Beispiel das „Hungerjahr” 1817, so war es später der Drang nach Freiheit. Sein Leben selbst zu gestalten war über Jahrhunderte nicht möglich. Leibeigenschaft und Knechtschaft ließen das nicht zu, in der Regel auch nicht bei denen, die in und von der Landwirtschaft lebten. Und das waren die Allermeisten.

Eine gewisse Wende war sicher die Anfang des 19. Jahrhundert einsetzende „Bauernbefreiung”, die 1848 ihren Höhepunkt fand. Man konnte jetzt mit seinem Anwesen frei disponieren: Tüchtigkeit und Weitsicht konnten sich lohnen -umgekehrt konnte es aber auch sein. Wie es hieß: Man konnte sich „aufi” kaufen oder auch „obi”. Dies alles hat dazu geführt, es auch zu „probieren”, die neuen Freiheiten machten es möglich und wenn es „in’s Amerika” gehen sollte, wie man es damals formulierte. Für die, die es schon erfolgreich probiert hatten, war es „das gelobte Land”. Ihre Nachrichten an die Heimat, die durchaus übertrieben sein konnten (wer berichtet über sich schon Schlechtes?) war die beste Werbung für dieses Land. Die aber, die nichts Gutes erwartete, berichteten erst gar nicht darüber. Vielleicht auch nicht, um dann hören zu müssen „warst net umi g’farn”.

Ein weiterer Grund für das Auswandern ist gewesen, sich den hiesigen Strafbehörden zu entziehen. In den Neunzigerjahren waren es zum Beispiel die „Habererprozesse”, die das „Abhauen” beförderten.

Auf jeden Fall musste man sich erst die Überfahrt von Hamburg oder Bremen nach Amerika verdient, oder durch Mitgift beisammen haben. Sonst kam man nicht aufs Schiff. Hier hat sich eine regelrechte Auswanderungsindustrie gebildet, die die Frachträume durch „Zwischendecke” unterteilte, in denen man kaum stehen konnte. „Eingepfercht”, erreicht man oft erst nach Wochen sein „gelobtes Land”. Nach vielen Tests und gegebenenfalls nach einer Quarantäne, durfte man dann erst „wirklich” einreisen, oder wurde in seltenen Fällen auch zurückgeschickt. Wohl denen, die schon Verwandte oder Bekannte „drüben”, und zumindest für den Anfang Hilfe hatten. Also viele Entbehrungen, bis man „drüben” war. Da stellt sich die Frage, warum auch die Söhne größerer Höfe das alles auf sich nahmen. Waren es die hohen Erwartungen, die ja auch mit „Goldgräberstimmung” umschrieben wurde, nicht erfüllte Wünsche an das Elternhaus, oder weil man daheim eine bestimmte Frau heiraten sollte? In den meisten Fällen wissen wir es nicht. So auch bei den zwei „Moarsöhnen” aus Kreuz bei Glonn Franz-Paul (*1819) und Josef (*1823). Nachdem Franz-Sales Schneeberger -„beim Schneeberger” ist heute noch der geläufige Hausname -als letzter der Familie 1825 verstarb, übernahm die Familie Grasberger, aus Föching kommend, noch im gleichen Jahr den „Moar”. Schneeberger der neben dem „Moar” auch Förster und Jäger für Zinneberg war, hatte ein wohl einmaliges Schicksal zu ertragen: Von den 14 Kindern aus der Ehe mit Ursula Wiesbeck, Wirtstochter aus Lorenzenberg, sind alle, spätestens im fünften Lebensjahr, verstorben. Auch seine zweite Frau war zwei Jahre vor ihm gegangen. Sodass Schneeberger kinderlos verstarb. Dies war wohl der Grund, warum sich die Kurfürstenwitwe Leopoldine (Zinneberg) als Obereigentümerin für diese umgehende Neubesetzung entschied. Es ist von einem Verkauf die Rede, sodass sich das Obereigentum von Zinneberg damit erledigt haben dürfte.

Zur Familie Grasberger gehörten 1825 die Söhne Franz-Paul, Thomas (*1820) und Josef. Warum nicht der älteste Franz-Paul, der ja den Vornamen des Vaters trug, das Anwesen übernahm, ist ungewöhnlich. Der Vater verstarb plötzlich 1848 mit 54 Jahren an Schlaganfall. Die Witwe Ursula, damals 52-jährig konnte sich für eine Übergabe erst 1853 zu Gunsten des zweiten Sohnes Thomas entscheiden. Und so könnten es Erbstreitigkeiten gewesen sein, die Franz-Paul, damals 30-jährig, dazu bewogen, 1849 nach Amerika zu gehen. Über seine Entscheidung berichtete er vermutlich positiv, denn 1855 folgte ihm Bruder Josef in die Neue Welt. Von ihm wissen wir, dass er 1859 Marie-Therese Marais heiratet und 1890 in Pennsylvania, vermutlich am Sitz seiner Familie, verstarb.

Sein 1864 geborene Sohn Bonifac ließ sich, wohl nach der Schule, in Richmond, Virginia (Nachbarstaat von Pennsylvania), bei Onkel Franz-Paul, nieder. Dort baute man Kutschen und Waggons. Höchstwahrscheinlich hat Bonifac sein Handwerk bei seinem Onkel Franz-Paul erlernt und galt dann als einer der besten Fachleute von Richmond, wie berichtet wird. Er hat sich nach 1889 im Fach des Onkels selbständig gemacht. Seinen Betrieb gab es bis ca. 1900. Wahrscheinlich hat er den Konkurrenzkampf mit seinem Cousin Julian, Sohn von Franz-Paul, nicht durchgehalten. Es ist anzunehmen, dass er wieder im Betrieb des Onkels und Cousin tätig war. Er war ja Fachmann. 1945, also im Alter von 81 Jahren, ist er wohl in Richmond verstorben. Franz-Paul, sowie seine Frau, hatten mit seiner 1827 in Kreuz geborenen Schwester Ursula einen Briefverkehr geführt, der uns etwas Einblick in seine Familie gibt. 1853 heiratet Franz-Paul in Amerika die Deutsche Margarethe Karl, ihr Vater ist aus Tennesberg in der Oberpfalz gebürtig, Sie wohnen in Richmond, der Hauptstadt des Staates Virginia. Insgesamt sind zehn Kinder aufgeführt. Über den Verbleib dieser wissen wir außer den Vornamen nur, dass Therese als Schwester Xaviera ins Kloster ging und der 1860 geborene Julius in Richmond 1909 ein „Manufacturer of Vehicles”, also Hersteller von Fahrzeugen, war. Es ist anzunehmen, dass der 1849 ausgewanderte Franz-Paul schon bald nach seiner Ankunft sich in Richmond niederließ. Es wird von dort berichtet, dass es 1849 zwei Kutschenbauer gab. Ob ein Betrieb oder zwei, von denen einen Franz-Paul gegründet haben dürfte, ist offen. Woher hatte er die Kenntnis Kutschen zu bauen? Bei uns war das Wagnerhandwerk dafür zuständig. Es ist gut möglich, dass Franz-Paul sobald die Nachfolge als „Moar” in Kreuz nicht mehr wahrscheinlich war, das Wagnerhandwerk erlernte. Das könnte beim Wagner, später im „Scheilanwesen” in Schlacht gewesen sein. Johann Gruber, dessen Vater, gebürtig in einer Tiroler Wagnerei, hat 1778 in Schlacht eingeheiratet. Johann kann durch ein Zeugnis der Innung in Wasserburg seinen Beruf nachweisen. Dessen Sohn Josef (*1813), auch Wagner, hat das Geschäft übernommen.

1899 verstirbt Franz-Paul Grasberger in Richmond mit 70 Jahren. Frau Margaretha hat 1909 noch gelebt. Schon der Vater hat vor 1877 sein Geschäft ausgebaut und das in zwei zweistöckigen Industriegebäuden. Sohn Julius hat 1885 den Betrieb übernommen. Über seine Heirat und seine Kinder haben wir keine Daten, außer über Tochter Sylvia, die 1908 als stolze „Chauffeuse” ein „Vehikel” über die Straßen von Richmond werbewirksam steuert. Und das als Frau, so können Stadtgespräche entstehen. Das zeigt auch, dass man die Zeichen der Zeit erkannt hat. Das Automobil war längst erfunden und löst zunehmend die Kutsche ab. Auf dem Land wird es allerdings noch lange dauern, hier ist das Pferd noch der „Motor” und Kutschen sind weiter nötig. Dass Julius Grasberger jetzt auch „Agent” (Gebietsvertretung) für Autos der Marke „Schacht Auto-Runabout” ist, das ist er den Kunden schuldig, denen die Kutsche nicht mehr genügt. Außerdem wird für die Werkstatt auch „Lackieren, Überhohlen, Polster und Reparieren” angeboten. Mit dem in der Werbung von 1908 gezeigten Modell von Schacht, wird Grasberger nicht mehr das große Geschäft gemacht haben. Das Auto sieht aus, wie Grasbergers Kutschen, mit einem Motor versehen. Vielleicht hat er es auch probiert. Ab dem gleichen Jahr bot Ford sein Modell „T” an. Es war schon ein Auto im heutigen Sinn. Damit hat Ford den Geschmack der Zeit getroffen, oder für Jahrzehnte mit formuliert. Das erste Auto, das mit Fließbandtechnik fabriziert wurde. Bis 1927 wurden 15 Millionen Stück „T” verkauft. Den Rekord des meistverkauften Automobils hielt Ford damit bis 1972. Der Aufstieg der Familie Grasberger erinnert an den Slogan „vom Tellerwäscher zum Millionär”, der wohl bei vielen auswanderungswilligen Deutschen die Entscheidung mit beeinflusst hat. Ob es in Richmond in Virginia heute noch Leute mit dem Namen Grasberger gibt, darüber wurde nicht recherchiert. Jedenfalls werden es Bayerische Einwanderer vor dem Ersten Weltkrieg, wenn sie den urbayerischen Namen Grasberger gelesen, dies wie einen Willkommensgruß empfunden haben.

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